TEIL 2:
Daniel öffnete das Foto.
Und plötzlich verschwand das selbstzufriedene Lächeln aus seinem Gesicht.
Es war ein Bild seiner Ehefrau Anna.
Sie stand vor dem Eingang eines Notariats, neben ihr die beiden Kinder. In einer Hand hielt sie eine Mappe, in der anderen die Hand ihres jüngsten Sohnes.
Doch das war nicht das Schlimmste.
Auf dem nächsten Foto erkannte Daniel sein eigenes Haus.
Das Wohnzimmer war leer. Die Regale waren ausgeräumt, die persönlichen Gegenstände verschwunden. Auf dem Esstisch lag ein Schlüsselbund neben einem weißen Umschlag.
Dann erschien eine weitere Nachricht:
**„Ich habe heute aufgehört, auf dich zu warten. Die Kinder und ich sind in Sicherheit. Lies den Brief, bevor du mich anrufst.“**
Daniel richtete sich so abrupt auf, dass seine Sonnenbrille in den Sand fiel.
„Was ist los?“, fragte Vanessa, die gerade mit zwei Getränken zurückkam.
Er antwortete nicht.
Er öffnete den Umschlag, dessen Foto Anna ihm geschickt hatte.
Darin lag ein kurzer Brief:
**„Daniel, du hast mir jahrelang erzählt, dass du keine Zeit hast, dich um uns zu kümmern. Jetzt habe ich verstanden, dass du deine Zeit nur anders verteilst. Ich werde nicht länger die Frau sein, die alles allein trägt, während du dir ein Leben ohne Verantwortung aufbaust. Die Kinder und ich sind vorerst bei meiner Schwester. Alles Weitere klären wir auf einem rechtlichen Weg.“**
Daniel las die Zeilen zweimal.
„Nein … das kann nicht sein.“
Vanessa setzte sich neben ihn.
„Was ist passiert?“
Er zeigte ihr das Handy.
Sie überflog die Nachricht und zog eine Augenbraue hoch.
„Na und? Sie ist eben wütend. Das legt sich wieder.“
Daniel sah sie ungläubig an.
„Sie ist mit den Kindern ausgezogen.“
Vanessa zuckte mit den Schultern.
„Dann hast du endlich freie Bahn.“
Doch Daniel hörte ihr kaum noch zu.
Denn gerade traf eine zweite Nachricht ein.
### Der Anruf, den er nicht erwartet hatte
Er wählte Annas Nummer.
Einmal.
Zweimal.
Beim dritten Versuch nahm sie ab.
„Anna! Was soll das? Wo sind die Kinder?“
Am anderen Ende blieb es ruhig.
„Die Kinder sind bei mir. Es geht ihnen gut.“
„Warum hast du das Haus ausgeräumt?“
„Ich habe meine persönlichen Sachen und die Dinge der Kinder mitgenommen. Das Haus gehört nicht nur mir. Über alles Weitere sprechen unsere Anwälte.“
Daniel fuhr sich durch die Haare.
„Du kannst doch nicht einfach verschwinden, während ich im Urlaub bin!“
Anna antwortete mit einer Stimme, die er kaum wiedererkannte.
„Du bist nicht im Urlaub, Daniel. Du bist mit einer anderen Frau am Strand.“
Er schwieg.
„Woher weißt du das?“
„Du hast es mir selbst gezeigt.“
„Was?“
„Dein gemeinsames Foto mit Vanessa. Es war auf deinem öffentlichen Profil zu sehen. Du hast nicht einmal daran gedacht, dass deine Kinder es sehen könnten.“
Daniel schloss die Augen.
Er hatte tatsächlich am Morgen ein Foto gepostet.
Vanessa hatte darauf gelacht und ihren Kopf an seine Schulter gelegt. Dazu hatte er geschrieben:
**„Endlich Zeit für das Leben, das ich verdiene.“**
Anna fuhr fort:
„Unsere Tochter hat mich gefragt, warum Papa mit einer fremden Frau am Meer ist, während wir zu Hause bleiben. Was hätte ich ihr antworten sollen?“
Daniel brachte kein Wort heraus.
„Ich habe ihr gesagt, dass Erwachsene manchmal Entscheidungen treffen, für die sie Verantwortung übernehmen müssen.“
„Anna, bitte. Wir müssen reden.“
„Wir werden reden. Aber nicht so, wie du es gewohnt bist. Nicht mehr zwischen zwei Ausreden und nicht mehr dann, wenn es dir gerade passt.“
Dann beendete sie das Gespräch.
### Vanessa verliert ihre Geduld
Vanessa hatte jedes Wort mitgehört.
„Daniel, du kannst doch nicht ernsthaft wegen deiner Frau den ganzen Urlaub ruinieren.“
Er sah sie an.
„Sie ist nicht einfach nur meine Frau. Sie ist die Mutter meiner Kinder.“
Vanessa lachte kurz.
„Das wusste ich auch vorher.“
„Du hast gesagt, du hättest kein Problem mit meiner Familie.“
„Ich habe kein Problem mit deinen Kindern. Ich habe ein Problem damit, dass du ständig zurückruderst, sobald Anna ein bisschen Druck macht.“
Daniel stand auf.
„Sie hat nicht ein bisschen Druck gemacht. Sie ist ausgezogen.“
Vanessa stellte ihr Getränk ab.
„Dann lass sie doch. Du hast mir versprochen, dass du dich trennst.“
Daniel schwieg.
„Wie oft soll ich noch warten? Du sagst seit Monaten, dass du bald alles regelst. Aber jedes Mal findest du einen Grund, es aufzuschieben.“
Er blickte auf das Meer.
Zum ersten Mal fragte er sich, ob er tatsächlich so selbstsicher gewesen war, wie er sich immer eingeredet hatte.
### Die zweite Nachricht
Sein Handy vibrierte erneut.
Diesmal war es eine Nachricht von seiner ältesten Tochter Sophie.
**„Papa, Mama hat gesagt, dass wir erst einmal bei Tante Lena bleiben. Ich hoffe, du bist glücklich. Ich wollte dir nur sagen, dass ich dich vermisse. Aber ich bin auch traurig, weil du versprochen hattest, mit uns in den Zoo zu gehen. Du bist nicht gekommen.“**
Daniel las die Nachricht.
Seine Tochter war neun Jahre alt.
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