
# TEIL 2:
Anna starrte auf ihr Handgelenk.
Zuerst verstand sie nicht, was der alte Mann meinte. Das Armband glänzte wie immer. Ihr Ehemann Daniel hatte es ihr vor drei Monaten zum Hochzeitstag geschenkt. Er hatte damals gesagt, es sei ein Familienerbstück und habe seiner Großmutter gehört.
Doch jetzt bemerkte Anna etwas Ungewöhnliches.
Direkt neben dem Verschluss befand sich eine kleine dunkle Verfärbung. Außerdem fühlte sich ihre Haut darunter gereizt an.
„Was ist damit?“, fragte sie mit schwacher Stimme.
Der alte Mann ließ ihr Handgelenk sofort los.
„Ich habe gesehen, wie Sie auf der Bank zusammengesackt sind. Als ich Ihnen helfen wollte, bemerkte ich, dass Ihre Haut unter dem Armband ungewöhnlich aussah. Ich wollte es nicht einfach entfernen, ohne Sie zu fragen.“
Anna schluckte.
„Sie behaupten also, mein Armband sei gefährlich?“
Der Mann nickte langsam.
„Ich behaupte gar nichts. Aber ich würde Ihnen dringend raten, es von medizinischem Fachpersonal untersuchen zu lassen. Und bitte lassen Sie auch Ihre plötzliche Schwäche sofort abklären.“
### Der Mann stellte sich vor
Der Fremde hieß Herr Weber. Er war pensionierter Goldschmied und hatte früher viele Jahre in einer Werkstatt gearbeitet.
Als Anna ihn fragte, warum er sich so sicher sei, dass mit dem Schmuckstück etwas nicht stimme, erklärte er:
„Ich habe vorhin gesehen, dass der Verschluss beschädigt ist. Außerdem ist das Armband ungewöhnlich schwer für seine Größe. Das allein beweist nichts. Aber Sie sollten wissen, was Sie da tragen.“
Anna blickte erneut auf das Schmuckstück.
„Mein Mann sagte, es sei ein Erbstück seiner Großmutter.“
Herr Weber betrachtete sie ernst.
„Dann sollte Ihr Mann Ihnen auch sagen können, woher es stammt und ob es jemals untersucht wurde.“
Anna wollte antworten, doch plötzlich wurde ihr wieder schwindelig.
Herr Weber rief sofort den Rettungsdienst.
„Bitte bleiben Sie sitzen. Versuchen Sie nicht, allein aufzustehen.“
Als die Sanitäter eintrafen, wurde Anna medizinisch untersucht und anschließend zur weiteren Abklärung ins Krankenhaus gebracht.
Das Armband wurde nach Rücksprache mit dem medizinischen Personal sicher verwahrt, damit es später fachgerecht untersucht werden konnte.
### Eine Nachricht an ihren Ehemann
Im Krankenhaus bekam Anna Flüssigkeit und wurde gründlich untersucht.
Die Ärztin erklärte, dass die Ursache ihrer Beschwerden noch nicht feststand. Sie müsse verschiedene mögliche Ursachen abklären, bevor sie eine Diagnose stellen könne.
Anna dachte sofort an Daniel.
Sie rief ihn an.
„Daniel, ich bin im Krankenhaus.“
Am anderen Ende wurde es still.
„Was ist passiert?“
„Ich bin während der Arbeit zusammengebrochen. Ein älterer Herr hat mir geholfen. Es geht um das Armband, das du mir geschenkt hast.“
Daniel antwortete ungewöhnlich schnell.
„Was ist damit?“
„Die Ärzte wollen es untersuchen lassen.“
„Das ist doch nur ein Schmuckstück!“
Anna runzelte die Stirn.
„Warum reagierst du so?“
„Weil du dich gerade unnötig verrückt machst. Nimm das Armband einfach wieder mit nach Hause.“
„Daniel, ich liege im Krankenhaus.“
„Ich komme später vorbei.“
Dann beendete er das Gespräch.
Anna legte das Telefon auf die Decke.
Seine Reaktion hatte sie mehr beunruhigt als alles andere.
### Die Untersuchung des Armbands
Am nächsten Tag meldete sich die Ärztin bei Anna.
„Wir haben Ihre Beschwerden ernst genommen und mehrere Untersuchungen durchgeführt. Eine eindeutige Ursache können wir noch nicht benennen. Es ist aber wichtig, dass wir alle möglichen Zusammenhänge prüfen.“
Auch das Armband sollte durch eine unabhängige Fachstelle untersucht werden.
Ein Experte für Schmuckmaterialien stellte später fest, dass das Stück nicht vollständig aus dem Material bestand, für das es ausgegeben worden war. Einige Bestandteile waren anders zusammengesetzt als erwartet.
Das allein erklärte Annas Beschwerden jedoch nicht.
Die Ärztin betonte deshalb, dass die medizinische Abklärung unabhängig von der Schmuckuntersuchung weitergehen müsse.
Anna war erleichtert, dass man ihr zuhörte.
Doch eine Frage ließ sie nicht los:
Warum hatte Daniel so heftig reagiert?
### Die Frau aus dem Juweliergeschäft
Drei Tage später besuchte eine Mitarbeiterin des Juweliergeschäfts das Krankenhaus.
Sie hieß Miriam und hatte den Kauf des Armbands persönlich bearbeitet.
„Frau Anna, ich hoffe, es geht Ihnen besser“, begann sie vorsichtig.
Anna nickte.
„Können Sie mir sagen, woher das Armband stammt? Mein Mann hat behauptet, es sei ein altes Familienerbstück.“
Miriam zögerte.
„Das ist merkwürdig.“
„Warum?“
„Ihr Mann hat uns damals ausdrücklich gesagt, dass es sich um ein neu angefertigtes Schmuckstück handeln sollte. Er wollte ein besonderes Geschenk, aber von einem Familienerbstück war keine Rede.“
Anna wurde still.
„Sind Sie sicher?“
Miriam holte eine Kopie der Rechnung hervor.
Dort stand das Kaufdatum, der Preis und die genaue Beschreibung des Schmuckstücks.
Es war tatsächlich neu angefertigt worden.
Anna betrachtete das Dokument.
„Warum hat er mich dann angelogen?“
Miriam antwortete nicht.
Sie wusste es nicht.
Aber sie hatte noch etwas mitgebracht.
„Es gibt eine weitere Sache. Als Ihr Mann das Armband kaufte, fragte er uns, ob man es später problemlos verändern könne. Wir haben ihm erklärt, dass Änderungen nur von einer Fachwerkstatt vorgenommen werden sollten.“
Anna spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Hat er es später noch einmal zu Ihnen gebracht?“
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