Viktor hielt inne.

Er las die Zeilen erneut.

Elena und Daniel waren nicht bei einem Brand ums Leben gekommen. Sie hatten ihre Identität verborgen, weil sie verfolgt worden waren.

*Wir haben nicht zurückgeschaut, weil wir Angst hatten, dass unsere Kinder in Gefahr geraten würden. Ich wollte dich kontaktieren, aber Daniel glaubte, dass es zu riskant wäre.*

*Vor drei Monaten wurde ich schwer krank. Ich wusste, dass meine Zeit knapp war. Deshalb erzählte ich Sophie, wer du bist. Ich sagte ihr nicht, dass du sie aufnehmen musst. Ich sagte ihr nur, dass sie dich finden darf, wenn sie Hilfe braucht.*

*Bitte bestrafe meine Töchter nicht für die Entscheidungen, die wir Erwachsenen getroffen haben. Sophie ist mutiger, als ich es je war. Und Lily verdient die Chance, in Sicherheit aufzuwachsen.*

*Wenn du etwas für sie tun willst, dann beginne nicht mit Geld. Höre ihnen zu. Lass sie selbst entscheiden, ob sie dir vertrauen können.*

*Elena.*

Viktor senkte den Brief.

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten hatte er keine Antwort parat.

Er blickte zu Sophie, die ihn aufmerksam beobachtete.

„Warum hast du mir nicht gleich gesagt, dass du meine Nichte bist?“

Sophie zog die Schultern hoch.

„Ich wusste nicht, ob Sie mich überhaupt hereinlassen würden.“

Viktor sah zu Boden.

„Das ist eine berechtigte Antwort.“

Er setzte sich ihr gegenüber.

„Ich kann nicht ändern, was zwischen deiner Mutter und mir passiert ist. Und ich werde nicht so tun, als könnte ich mit einem einzigen Versprechen alles wiedergutmachen.“

Sophie schwieg.

„Aber ich möchte, dass du und Lily in Sicherheit seid. Ihr könnt vorerst hierbleiben, wenn ihr das möchtet. Wir werden gemeinsam mit einer unabhängigen Beratungsstelle klären, was für euch am besten ist. Du musst mir nichts versprechen, und du musst mir nicht sofort vertrauen.“

Sophie blickte auf ihre kleine Schwester.

„Darf Lily wirklich hier schlafen?“

Viktor nickte.

„Ja. Und du auch.“

Erst dann begannen Sophies Augen zu glänzen.

Sie weinte nicht laut. Sie senkte einfach den Kopf, als hätte sie viel zu lange versucht, stark zu sein.

Viktor hätte sie am liebsten getröstet, doch er erinnerte sich an Elenas Worte.

Höre ihnen zu.

Also blieb er einfach sitzen.

Und wartete, bis Sophie bereit war, wieder zu sprechen.

## Die Wahrheit über den Brand

Am nächsten Morgen ließ Viktor einen ehemaligen Ermittler kommen, dem er vertraute. Gemeinsam prüften sie die alten Unterlagen zum vermeintlichen Tod von Elena und Daniel.

Schon bald stießen sie auf Widersprüche.

Der Brandbericht war unvollständig. Die Identifizierung der Opfer war nie eindeutig dokumentiert worden. Außerdem waren mehrere Beweisstücke verschwunden, nachdem ein hochrangiger Beamter die Ermittlungen übernommen hatte.

Noch beunruhigender war eine Notiz, die Daniel Jahre später verfasst hatte.

Darin erwähnte er einen Geschäftsmann namens Adrian Cole, der kurz vor dem Brand versucht hatte, ihn zum Schweigen zu bringen.

Viktor kannte diesen Namen.

Adrian Cole war inzwischen ein angesehener Geschäftspartner, der mit mehreren großen Unternehmen zusammenarbeitete. Vor Jahren hatte Viktor selbst mit ihm verhandelt, ohne jemals zu ahnen, dass er möglicherweise mit dem Verschwinden seiner Schwester in Verbindung stand.

„Wir dürfen keine voreiligen Schlüsse ziehen“, sagte der ehemalige Ermittler. „Diese Dokumente reichen nicht aus, um jemanden zu beschuldigen. Aber sie rechtfertigen eine neue Untersuchung.“

Viktor nickte.

„Dann sorgen Sie dafür, dass die richtigen Behörden die Unterlagen erhalten.“

Er hatte sein ganzes Leben lang geglaubt, Macht bedeute, Probleme selbst zu lösen.

Jetzt verstand er, dass wahre Verantwortung manchmal bedeutete, die Kontrolle abzugeben und andere ihre Arbeit machen zu lassen.

Doch bevor die Unterlagen weitergeleitet werden konnten, erhielt Viktor einen Anruf von einer unbekannten Nummer.

Eine Männerstimme sagte nur:

„Wenn Sie wissen wollen, was mit Ihrer Schwester wirklich geschehen ist, hören Sie auf, in alten Akten zu suchen.“

Viktor richtete sich auf.

„Wer spricht da?“

„Jemand, der Daniel damals geholfen hat.“

„Wo ist er?“

„Das erfahren Sie, wenn Sie morgen um neun Uhr am alten Bahnhof erscheinen. Bringen Sie niemanden mit.“

Die Verbindung wurde unterbrochen.

Viktor starrte auf sein Telefon.

Er wusste, dass es eine Falle sein könnte. Er wusste auch, dass ein unüberlegter Schritt Sophie und Lily gefährden konnte.

Diesmal würde er nicht allein entscheiden.

Er informierte den Ermittler und übergab ihm die Nummer. Gemeinsam vereinbarten sie, die Nachricht überprüfen zu lassen, bevor irgendjemand zum Bahnhof ging.

Als Viktor später am Abend nach den Mädchen sah, saß Sophie am Fenster und beobachtete den Regen.

„Ist etwas passiert?“, fragte sie.

Viktor setzte sich in einen Sessel in angemessenem Abstand.

„Ich habe möglicherweise einen Hinweis darauf erhalten, was damals mit deiner Mutter und deinem Vater geschehen ist. Aber ich werde nichts unternehmen, das euch gefährdet.“

Sophie drehte sich zu ihm um.

„Glauben Sie, mein Vater lebt noch?“

Viktor betrachtete sie lange.

„Ich weiß es nicht. Aber ich verspreche dir, dass wir die Wahrheit suchen werden. Und diesmal werde ich nicht einfach wegsehen.“

Sophie nickte langsam.

Dann stellte sie eine Frage, mit der Viktor nicht gerechnet hatte.