„Mama?“
Shireen hob den Kopf. Tammy stand in ihrem Schlafanzug in der Tür und hielt ihren abgenutzten Plüschhasen fest.
„Warum bist du schon wach?“, fragte das Mädchen.
Shireen zwang sich zu einem sanften Lächeln.
„Ich musste über ein paar Dinge nachdenken, mein Schatz.“
Tammy kam näher und setzte sich auf ihren Schoß.
„Habe ich etwas falsch gemacht?“
Diese Frage traf Shireen mitten ins Herz.
„Nein, Liebling. Absolut nichts.“ Sie strich Tammy über die goldenen Locken. „Du hast nichts falsch gemacht. Und egal, was heute passiert, du bist geliebt. Das wird sich niemals ändern.“
Tammy nickte, doch ihre blauen Augen verrieten, dass sie die Anspannung ihrer Mutter bemerkt hatte.
Als Jamal wenig später in die Küche kam, versuchte Shireen, den Morgen so normal wie möglich zu gestalten. Sie bereitete Frühstück zu, packte die Schultaschen und erinnerte die Kinder daran, ihre Jacken mitzunehmen.
Doch sobald die Haustür hinter ihnen geschlossen war, griff sie zum Telefon und rief ihre Anwältin, Patricia Green, an.
„Patricia, ich brauche deine Hilfe. Jemand versucht, Tammys Adoption anzufechten.“
Am anderen Ende der Leitung wurde es still.
„Hast du das Original des Schreibens?“
„Die Polizei hat es.“
„Gut. Unternimm vorerst nichts auf eigene Faust. Ich werde die Herkunft des Dokuments überprüfen und mich mit der zuständigen Adoptionsstelle in Verbindung setzen. Wir müssen herausfinden, ob es sich um eine echte rechtliche Maßnahme oder um einen Versuch handelt, dich einzuschüchtern.“
„Und wenn jemand tatsächlich versucht, Tammy wegzunehmen?“
Patricias Stimme wurde ruhiger.
„Dann werden wir uns an die Fakten halten. Ein Brief allein entscheidet nicht über eine Adoption. Wir müssen wissen, wer ihn veranlasst hat und worauf sich die Behauptungen stützen.“
Zum ersten Mal seit dem Anruf ihrer Nachbarin hatte Shireen das Gefühl, wieder einen klaren Gedanken fassen zu können.
Sie würde nicht zulassen, dass Angst ihre Entscheidungen bestimmte.
### Die Spur führt zu einem alten Bekannten
Zwei Tage später meldete sich Detective Harris bei ihr.
Er bat Shireen, am Nachmittag zur Polizeiwache zu kommen. Als sie dort eintraf, wartete Patricia bereits in einem kleinen Besprechungsraum.
Auf dem Tisch lagen mehrere Ausdrucke der Überwachungskamera von Mrs. Holloway.
Detective Harris deutete auf eines der Bilder.
„Wir konnten den Mann identifizieren. Sein Name ist Raymond Cole. Er hat früher als freier Mitarbeiter für eine Organisation gearbeitet, die Familien bei Adoptionsverfahren berät.“
Shireen runzelte die Stirn.
„Warum sollte jemand aus diesem Bereich in mein Haus eindringen?“
„Das wissen wir noch nicht vollständig“, antwortete der Detective. „Aber wir haben festgestellt, dass Cole in den vergangenen Wochen mehrfach in Ihrer Nachbarschaft war. Außerdem hat er sich nach Ihrem Unternehmen und Ihrer finanziellen Situation erkundigt.“
Patricia schob ihre Brille zurecht.
„Hat er eine Verbindung zu Tammys leiblicher Familie?“
Detective Harris nickte vorsichtig.
„Das ist eine unserer wichtigsten Ermittlungsrichtungen. Wir haben Hinweise darauf, dass jemand versucht hat, Kontakt zu Personen aus Tammys früherem Umfeld aufzunehmen.“
Shireen wurde blass.
Vor ihrer Adoption hatte Tammy in einer Pflegeeinrichtung gelebt. Die Unterlagen, die man ihr damals vorgelegt hatte, waren ausführlich gewesen. Die zuständigen Fachkräfte hatten ihr erklärt, dass die notwendigen rechtlichen Voraussetzungen erfüllt seien.
Sie hatte nie versucht, Tammys Vergangenheit auszulöschen. Sie wollte lediglich, dass ihre Tochter eine sichere Zukunft bekam.
„Ich möchte wissen, wer dahintersteckt“, sagte sie.
„Das werden wir prüfen“, antwortete Harris. „Aber ich möchte Sie bitten, niemanden zu konfrontieren, solange wir noch ermitteln.“
Shireen versprach es.
Auf dem Heimweg gingen ihr trotzdem unzählige Fragen durch den Kopf.
Wer wusste von der Adoption? Wer hatte Zugang zu den Informationen? Und warum schien jemand so entschlossen, ausgerechnet ihre Familie ins Visier zu nehmen?
Als sie zu Hause ankam, wartete bereits eine Nachricht ihrer Anwältin auf sie.
Patricia hatte erste Unterlagen angefordert und eine wichtige Unstimmigkeit entdeckt: Der Brief verwendete eine Aktennummer, die nicht mit der Nummer in Shireens offiziellen Adoptionsdokumenten übereinstimmte.
Das bedeutete nicht automatisch, dass alle darin enthaltenen Behauptungen falsch waren. Doch es war ein Grund, die Echtheit des Schreibens genauer zu überprüfen.
Shireen atmete langsam aus.
Vielleicht war die vermeintliche juristische Drohung gar keine offizielle Maßnahme gewesen.
Vielleicht hatte jemand nur gewollt, dass sie glaubte, alles verlieren zu können.
### Ein Besuch vor der Haustür
Am Freitagabend bereitete Shireen das Abendessen zu, während Jamal am Küchentisch seine Hausaufgaben erledigte und Tammy versuchte, einen Regenbogen zu malen.
Plötzlich klingelte es.
Shireen wischte sich die Hände an einem Küchentuch ab und ging zur Tür.
Draußen stand eine Frau Anfang sechzig. Sie trug einen schlichten beigen Mantel und hielt eine kleine Handtasche vor sich.
„Sind Sie Shireen Jackson?“, fragte sie.
„Ja. Kann ich Ihnen helfen?“
Die Frau zögerte.
„Mein Name ist Evelyn Brooks. Ich glaube, wir müssen über Tammy sprechen.“
Shireen spürte sofort, wie sich ihre Anspannung zurückmeldete.
„Wer sind Sie?“
Evelyn sah kurz zur Straße, bevor sie antwortete.
„Ich habe Tammy gekannt, bevor sie zu Ihnen kam. Ich war damals ehrenamtlich in der Einrichtung tätig, in der sie lebte.“
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