Sie brauchte auch etwas, in dem sie sich wohlfühlte.
Am Nachmittag, als sie gerade ihre letzten Kokos-Süßigkeiten verkaufte, bemerkte sie eine ältere Frau, die sie schon seit einigen Wochen kannte. Die Frau kaufte regelmäßig kleine Tüten bei ihr.
Sie hieß Elena und betrieb eine bescheidene Änderungsschneiderei.
„Du siehst heute aus, als würdest du ein schweres Geheimnis mit dir herumtragen“, sagte Elena.
Lucía zögerte, erzählte ihr dann aber alles.
Elena hörte aufmerksam zu.
Als Lucía fertig war, stand die ältere Frau auf.
„Komm morgen früh zu mir.“
„Warum?“
„Weil ich ein Kleid habe, das seit Jahren in meinem Atelier hängt. Es wartet offenbar darauf, endlich getragen zu werden.“
Am nächsten Morgen stand Lucía tatsächlich vor Elenas kleiner Schneiderei.
Elena holte ein schlichtes, dunkelblaues Kleid hervor. Es war elegant, zurückhaltend und passte Lucía beinahe perfekt.
„Es ist kein Designerkleid“, erklärte Elena. „Aber es ist sauber, gut verarbeitet und gehört dir für den Tag.“
Lucía berührte vorsichtig den Stoff.
„Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll.“
„Indem du hingehst“, antwortete Elena. „Und indem du dich nicht von Menschen kleinmachen lässt, die deinen Wert nicht erkennen.“
Sie half Lucía, das Kleid anzupassen, und zeigte ihr, wie sie ihre Haare ordentlich frisieren konnte.
Als Lucía sich im Spiegel betrachtete, erkannte sie sich zunächst kaum wieder.
Nicht, weil sie plötzlich ein anderer Mensch geworden war.
Sondern weil sie zum ersten Mal seit Langem aufhörte, sich selbst mit den abwertenden Augen anderer zu betrachten.
Elena lächelte.
„Siehst du? Du musst nicht jemand anderes werden, um würdig zu sein, gesehen zu werden.“
Lucía umarmte sie.
Dann machte sie sich auf den Weg.
## 3. Das Casting, bei dem niemand mit ihr rechnete
Das Veranstaltungszentrum war größer, als Lucía es sich vorgestellt hatte.
Überall standen junge Frauen in sorgfältig ausgewählten Outfits. Einige wurden von Agenten begleitet, andere unterhielten sich selbstbewusst mit Fotografen. Mehrere Teilnehmerinnen hatten bereits Erfahrung bei kleineren Modenschauen gesammelt.
Lucía fühlte sich plötzlich fehl am Platz.
Sie hielt ihre Tasche fest und wollte gerade wieder gehen, als eine Mitarbeiterin sie ansprach.
„Guten Morgen. Sind Sie für das offene Casting hier?“
„Ja“, antwortete Lucía. „Mein Name ist Lucía Morales.“
Die Mitarbeiterin überprüfte die Liste.
„Dann bitte hier entlang.“
Lucía wurde in einen Raum geführt, in dem eine Jury saß. Drei Fachleute aus der Modebranche beobachteten die Teilnehmerinnen aufmerksam.
Am Ende des Tisches saß Diego Santillán.
Als er Lucía erkannte, lächelte er ihr kurz zu. Er machte jedoch keine besondere Bemerkung und behandelte sie genauso wie die anderen Kandidatinnen.
Das beruhigte sie.
Sie wollte nicht bevorzugt werden.
Sie wollte eine echte Chance.
Die erste Aufgabe bestand darin, sich vorzustellen und ein paar Schritte über einen provisorischen Laufsteg zu gehen.
Als Lucía an der Reihe war, spürte sie ihr Herz bis zum Hals schlagen.
Sie trat nach vorne.
Für einen Moment hörte sie wieder die Stimme von Patricia:
„Du? Als Model?“
Dann dachte sie an Elena.
„Du musst nicht jemand anderes werden.“
Lucía atmete tief ein.
Sie ging los.
Ihre ersten Schritte waren vorsichtig. Doch nach wenigen Sekunden entspannte sie sich. Sie hielt den Rücken gerade, hob den Kopf und bewegte sich mit einer natürlichen Eleganz, die sie selbst nie bemerkt hatte.
Als sie am Ende des Laufstegs stehen blieb, herrschte Stille.
Eine Jurorin namens Valeria Montes machte sich Notizen.
Ein anderer Juror bat Lucía, noch einmal zu gehen, diesmal mit einer kleinen Veränderung in ihrer Haltung.
Sie versuchte es erneut.
Als sie fertig war, fragte Valeria:
„Haben Sie schon einmal professionelles Laufstegtraining erhalten?“
„Nein, noch nie.“
„Und haben Sie Erfahrung vor der Kamera?“
„Nur die Fotos, die meine Freunde manchmal mit ihren Handys machen.“
Die Jurorin tauschte einen Blick mit ihren Kollegen.
Dann stellte sie eine weitere Frage:
„Warum möchten Sie Model werden?“
Lucía hätte sagen können, dass sie berühmt werden wollte. Dass sie schöne Kleider tragen und auf großen Bühnen stehen wollte.
Doch sie entschied sich für die Wahrheit.
„Weil ich als Kind immer dachte, dass Schönheit etwas ist, das anderen Menschen gehört. Ich möchte herausfinden, was ich erreichen kann, wenn ich aufhöre, mich selbst kleinzumachen.“
Valeria legte ihren Stift nieder.
„Danke, Lucía.“
Die junge Frau verließ den Raum mit zitternden Händen.
Sie wusste nicht, ob sie bestanden hatte.
Aber sie wusste, dass sie sich zum ersten Mal nicht versteckt hatte.
## 4. Die Frau in Weiß erscheint wieder
Am späten Nachmittag wurden die Ergebnisse bekannt gegeben.
Lucía wartete in einem Flur, als plötzlich eine vertraute Stimme hinter ihr erklang.
„Das ist ja interessant.“
Sie drehte sich um.
Vor ihr stand die Frau aus der Boutique – dieselbe Frau, die sie Tage zuvor von ihrem Verkaufsplatz vertrieben hatte.
Ihr Name war Verónica Salgado. Sie war die Ehefrau eines bekannten Geschäftsmannes und unterstützte gelegentlich Veranstaltungen der Modebranche.
Als sie Lucía erkannte, verzog sie das Gesicht.
„Was machst du hier?“
Lucía schluckte.
„Ich habe am Casting teilgenommen.“
Verónica lachte ungläubig.
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