Gabriel Montiel stand regungslos vor der rostigen Pritsche.

Drei Monate lang hatte er geglaubt, seine Feinde hätten seinen Bruder Antonio und dessen Frau Isabela ermordet. Drei Monate lang hatte er Männer verfolgt, Bündnisse zerstört und jeden bestraft, den er für verantwortlich hielt.

Und während er sich von seinem Schmerz hatte leiten lassen, hatte der wahre Täter neben ihm gesessen, ihm die Hand auf die Schulter gelegt und so getan, als würde er mit ihm trauern.

Sein eigener Onkel.

„Vicente“, sagte Gabriel schließlich, ohne den Blick von Mariana abzuwenden. „Bring uns nach Hause.“

Vicente zögerte.

„Und was ist mit Carmelo?“

Gabriel sah ihn an. Seine Stimme war ruhig, aber gerade deshalb klang sie gefährlich.

„Wenn er tatsächlich hinter dem Mord steckt, will ich Beweise. Keine Gerüchte. Keine voreiligen Anschuldigungen. Beweise.“

Mariana zog Nicolás fester an sich.

„Sie verstehen es immer noch nicht“, sagte sie.

Gabriel drehte sich zu ihr.

„Dann erklär es mir.“

„Carmelo weiß, dass sein Plan nicht funktioniert hat. Solange Nicolás lebt, kann er nicht sicher sein, dass er die Kontrolle über die Familie behält. Und solange ich lebe, gibt es jemanden, der erzählen kann, was im Krankenhaus passiert ist.“

Gabriel blickte auf den blauen Fleck an ihrer Wange.

„Hat Carmelo dir das angetan?“

„Seine Männer.“

„Warum hast du mir das nicht gleich gesagt?“

Mariana lachte bitter.

„Weil ich nicht wusste, ob ich Ihnen vertrauen kann.“

Diese Antwort traf ihn härter, als er erwartet hatte.

Er war es gewohnt, dass Menschen vor ihm zurückwichen. Er war es gewohnt, dass sein Name Türen öffnete und Gespräche beendete. Doch diese Frau hatte sein Vertrauen nicht mit seinem Namen verwechselt.

Sie hatte Nicolás beschützt, obwohl sie dafür alles verloren hatte.

„Du hast recht“, sagte Gabriel nach einer Weile. „Du hast keinen Grund, mir zu vertrauen.“

Mariana schien überrascht.

„Aber ich werde dir einen Grund geben“, fuhr er fort. „Ich werde herausfinden, was mit meinem Bruder geschehen ist. Und bis dahin wird niemand Nicolás oder dir etwas antun.“

„Versprechen Sie nichts, was Sie nicht kontrollieren können.“

Gabriel nickte langsam.

„Dann verspreche ich dir nur, dass ich alles tun werde, was in meiner Macht steht.“

Zum ersten Mal seit ihrer Begegnung sah Mariana ihn nicht wie einen Feind an.

Doch Vertrauen war noch lange nicht entstanden.

Und die Gefahr war näher, als Gabriel ahnte.

## Die erste Spur

Noch vor Sonnenaufgang erreichten sie das Anwesen der Montiels am Stadtrand von Guadalajara.

Mariana war überwältigt von den hohen Mauern, den schmiedeeisernen Toren und den Männern, die das Gelände bewachten. Sie hatte sich einen solchen Ort immer wie einen Palast vorgestellt.

In Wirklichkeit wirkte er auf sie wie ein Gefängnis.

Gabriel bemerkte ihren Blick.

„Du bekommst ein Zimmer im Ostflügel. Eine Ärztin wird Nicolás untersuchen. Du kannst dabei bleiben.“

„Ich gehe nirgendwohin, wo man mir das Kind wegnimmt.“

„Das wird niemand tun.“

„Auch nicht, wenn Sie es befehlen?“

Gabriel schwieg einen Moment.

„Auch dann nicht.“

Er ließ ein Zimmer vorbereiten, in dem Mariana mit Nicolás bleiben konnte. Außerdem ordnete er an, dass niemand ohne ihre Zustimmung das Zimmer betrat, abgesehen von medizinischen Notfällen.

Als die Ärztin wenig später Nicolás untersuchte, bestätigte sie, dass er stabil war. Dennoch empfahl sie eine vollständige Untersuchung, weil das Baby in den vergangenen Wochen unter schwierigen Bedingungen gelebt hatte.

Mariana wich nicht von seiner Seite.

Gabriel stand im Türrahmen und beobachtete, wie sie dem Kleinen leise etwas vorsang.

Er erinnerte sich an Antonio. Sein Bruder hatte immer behauptet, ein Kind brauche keine großen Versprechen. Es brauche jemanden, der morgens da sei, wenn es die Augen öffne.

Damals hatte Gabriel darüber gelacht.

Jetzt verstand er, was Antonio gemeint hatte.

„Sein Vater hätte dir gedankt“, sagte Gabriel leise.

Mariana hob den Kopf.

„Ich habe es nicht für Dank getan.“

„Das weiß ich.“

„Nein“, erwiderte sie. „Das können Sie nicht wissen. Sie wissen nicht, was es bedeutet, ein Kind auf dem Arm zu halten und bei jedem Geräusch Angst zu haben. Sie wissen nicht, wie es ist, sich zu fragen, ob man morgen noch einen sicheren Ort für es findet.“

Gabriel nahm ihre Worte schweigend entgegen.

Dann zog er die Tür behutsam zu und ging.

Zum ersten Mal seit langer Zeit versuchte er nicht, das letzte Wort zu haben.

## Der Mann, der niemals Fragen stellen musste

Im Arbeitszimmer wartete bereits Vicente.

Auf dem Schreibtisch lagen Kopien alter Lieferlisten, Anrufprotokolle und Unterlagen über den Hinterhalt auf der Avenida Vallarta.

„Ich habe die damaligen Berichte überprüft“, sagte Vicente. „Die Informationen über den Angriff kamen von einer Quelle innerhalb unserer eigenen Organisation.“

„Von Carmelo?“

„Das wissen wir noch nicht. Aber jemand hat die Route deines Bruders verändert. Antonio sollte ursprünglich eine andere Straße nehmen.“

Gabriel ballte die Hände.

„Wer hat die Änderung genehmigt?“

Vicente schob ihm ein Blatt Papier zu.

Darauf stand ein Name.

Carmelo Montiel.