# Teil 2: Der Millionär auf vier Pfoten – Das Geheimnis der Frau, die niemand ertragen konnte
Javier Mendoza hatte schon viele schwierige Tage erlebt. Er hatte auf Baustellen gearbeitet, schwere Lasten getragen und Nächte damit verbracht, sich Sorgen um die Rechnungen seiner Familie zu machen. Doch nichts hätte ihn auf das vorbereitet, was ihn in der Villa der Familie Villarreal erwartete.
Als er das Wohnzimmer betrat, blieb er für einen Augenblick stehen.
Adriana Villarreal lag in einem modernen Pflegebett. Neben ihr standen medizinische Geräte, auf einem Tisch lagen Medikamente, und an der Wand hing ein großes Gemälde, das vermutlich mehr wert war als alles, was Javier jemals in seinem Leben besessen hatte.
Die Frau betrachtete ihn mit einem kalten Blick.
„Also hat Socorro tatsächlich jemanden gefunden, der verrückt genug ist, sich freiwillig hierher zu begeben.“
Javier lächelte höflich.
„Guten Morgen, Señora Villarreal. Mein Name ist Javier Mendoza. Ich bin gekommen, um mich für die Stelle zu bewerben.“
„Das weiß ich bereits!“, fauchte Adriana. „Die Frage ist, wie lange du diesmal durchhalten wirst.“
Javier antwortete nicht sofort.
Er bemerkte die leeren Gläser auf dem Nachttisch, die ordentlich gefalteten Decken und einen Strauß verwelkter Blumen am Fenster. Obwohl das Haus voller Luxus war, wirkte das Zimmer merkwürdig verlassen.
„Ich werde mein Bestes geben, Señora.“
Adriana lachte bitter.
„Dein Bestes? Zehn Menschen haben mir in dieser Woche versprochen, ihr Bestes zu geben. Eine Pflegekraft hat behauptet, sie hätte jahrelange Erfahrung. Eine andere hat mir erzählt, sie sei besonders geduldig. Und wissen Sie, was passiert ist? Sie sind alle davongelaufen!“
„Warum?“, fragte Javier ruhig.
Adrianas Gesicht verhärtete sich.
„Weil sie schwach sind.“
„Oder weil sie nicht wussten, was Sie brauchen.“
Für einen Moment verstummte die Frau.
Niemand hatte es bisher gewagt, ihr auf diese Weise zu antworten.
„Was hast du gerade gesagt?“
Javier spürte, dass er vorsichtig sein musste.
„Ich wollte nur sagen, dass ich Sie kennenlernen möchte, bevor ich mir ein Urteil bilde.“
Adriana wandte den Blick ab.
„Dann wirst du bald genug Gelegenheit dazu bekommen. Socorro, zeig ihm das Zimmer neben der Küche. Wenn er morgen noch hier ist, können wir darüber reden, ob er bleiben darf.“
Javier nickte.
Doch bevor er das Wohnzimmer verließ, hörte er Adriana hinter sich murmeln:
„Du wirst es bereuen.“
Er drehte sich noch einmal um.
„Vielleicht, Señora. Aber wenigstens werde ich es nicht bereuen, es versucht zu haben.“
Zum ersten Mal an diesem Morgen sah Adriana ihn nicht mit Verachtung an, sondern mit etwas, das beinahe wie Überraschung wirkte.
## Der erste Tag
Socorro führte Javier durch einen langen Flur bis zu einem kleinen Zimmer im hinteren Teil des Hauses.
„Ich muss dich warnen“, sagte sie leise. „Adriana war nicht immer so. Früher war sie eine freundliche Frau. Sie veranstaltete Feste, unterstützte das örtliche Krankenhaus und kümmerte sich um die Menschen, die für ihre Familie arbeiteten.“
„Was ist passiert?“
Socorro seufzte.
„Vor zwei Jahren hatte sie einen schweren Autounfall. Seitdem ist sie vom Hals abwärts gelähmt. Ihr Mann war bereits einige Jahre zuvor gestorben, und sie hatte keine Kinder. Die Menschen, die ihr früher nahestanden, verschwanden nach und nach.“
„Und deshalb behandelt sie alle so?“
„Ich glaube, sie hat große Angst. Aber ihre Angst verwandelt sich in Wut, und diese Wut trifft jeden, der ihr helfen möchte.“
Javier dachte an seine Mutter.
Auch Doña Mercedes hatte Tage, an denen die Sorgen sie überforderten. Doch sie versuchte stets, ihre Schwierigkeiten nicht an anderen auszulassen.
„Ich werde ihr eine Chance geben“, sagte er.
Socorro musterte ihn besorgt.
„Ich hoffe, dass du weißt, was du tust.“
Noch am selben Nachmittag begann Javier seine Arbeit.
Er war kein ausgebildeter Pfleger, und das sagte er Adriana auch ganz offen. Er würde sich um ihre Mahlzeiten, die Ordnung im Zimmer, ihre Wünsche und die alltäglichen Aufgaben kümmern. Medizinische Tätigkeiten und die persönliche Pflege, für die Fachkenntnisse erforderlich waren, mussten dagegen von qualifiziertem Personal übernommen werden. Adriana schien diese Ehrlichkeit zunächst zu verärgern.
„Du hast also keine Pflegeausbildung?“
„Nein, Señora. Aber ich bin bereit zu lernen, soweit es meine Aufgaben erlauben.“
„Dann bist du noch nutzloser, als ich dachte!“
Sie verlangte, dass er ihr ein Buch vom Regal holte. Als er es brachte, beschwerte sie sich über die falsche Ausgabe. Er korrigierte seinen Fehler, ohne zu diskutieren.
Kurz darauf wollte sie Wasser. Als er das Glas auf den Nachttisch stellte, behauptete sie, er habe es zu weit weg platziert.
„Du hörst mir überhaupt nicht zu!“
Javier stellte das Glas an die von ihr gewünschte Stelle.
„Ist es so besser?“
Adriana presste die Lippen zusammen.
„Ja.“
Es war das erste Mal seit Wochen, dass sie einen Menschen nicht sofort aus dem Haus jagte.
Doch der schwierigste Moment kam am Abend.
Javier brachte ihr das Abendessen und bemerkte, dass sie kaum etwas angerührt hatte.
„Möchten Sie etwas anderes?“, fragte er.
„Nein.“
Popular Posts
→- 1
- 2
- 3
- 4
Recently Viewed
Stories you read recently will appear here.



