Élise starrte Antoine Ravel ungläubig an.

„Weil er sie mir gegeben hat?“

Der alte Sänger nickte und strich mit den Fingerspitzen über die vergilbten Notenblätter.

„Louis Beaumont glaubt, diese Partitur sei eine Falle. Er glaubt, niemand ohne jahrelange Ausbildung könne sie richtig singen.“

Er hob den Blick.

„Aber diese Musik wurde nicht geschrieben, um eine Stimme zu bestrafen. Sie wurde geschrieben, um herauszufinden, ob jemand wirklich etwas zu sagen hat.“

Élise schluckte.

„Ich verstehe nicht.“

Antoine setzte sich ans Klavier.

„Dann singen wir sie noch einmal.“

Diesmal begleitete er sie nicht.

Er bat sie, die Augen zu schließen und sich an ihre Großmutter zu erinnern. An die kleinen Abende in der Küche, an das alte Radio und an die Stimme, die ihr einst beigebracht hatte, dass Musik nicht davon abhing, wie viel Geld jemand besaß.

Élise begann leise.

Der erste Ton zitterte.

Der zweite war klarer.

Beim dritten veränderte sich etwas.

Ihre Schultern entspannten sich. Ihr Atem wurde ruhiger. Die Melodie, die auf dem Papier wie ein unüberwindbarer Berg ausgesehen hatte, begann sich vor ihr zu öffnen.

Antoine schloss die Augen.

Als Élise endete, herrschte lange Stille.

Dann stand er auf.

„Morgen früh um sieben Uhr. Hier.“

„Aber ich muss die Räume reinigen.“

„Dann putzen Sie anschließend.“

Er sah sie streng an.

„Wenn Sie wirklich Sängerin werden wollen, dürfen Sie nicht darauf warten, dass jemand Ihnen erlaubt, eine zu sein.“

Élise nahm ihr Übungsheft und ging.

Sie bemerkte nicht, dass Antoine noch lange vor dem Klavier stehen blieb.

Er hatte seit dreißig Jahren keine Stimme mehr gehört, die ihn so sehr an eine längst vergangene Zeit erinnerte.

Und er wusste plötzlich, warum ihm dieser Name bekannt vorkam.

Garnier.

Marianne Garnier.

Die Frau, die vor vielen Jahren bei einem Wettbewerb in Lyon gesungen hatte und anschließend spurlos aus der Musikwelt verschwunden war.

Am nächsten Morgen erschien Élise um 6:55 Uhr.

Sie hatte kaum geschlafen. Ihre Mutter hatte in der Nacht starke Schmerzen gehabt, und Élise war erst kurz nach drei Uhr morgens ins Bett gekommen.

Trotzdem stand sie vor dem Klavier.

Antoine wartete bereits.

„Heute singen Sie die schwierige Passage.“

Élise nickte.

Sie begann.

Nach wenigen Takten hob Antoine die Hand.

„Stopp.“

Sie verstummte sofort.

„Sie versuchen, perfekt zu sein.“

„Ist das nicht das Ziel?“

„Nein. Das Ziel ist, wahrhaftig zu sein.“

Er trat näher.

„Victoire besitzt eine ausgezeichnete Technik. Sie hat die besten Lehrer, die besten Instrumente und die Unterstützung einer Frau, die ihre Karriere seit Jahren vorbereitet.“

Élise senkte den Blick.

„Ich kann nicht mit ihr konkurrieren.“

Antoine schlug mit der flachen Hand auf das Klavier.

„Das entscheiden nicht Sie.“

Sie blickte überrascht auf.

„Sie konkurrieren nicht mit Victoire. Sie konkurrieren mit der Version Ihrer selbst, die Angst davor hat, gehört zu werden.“

Diese Worte begleiteten Élise den ganzen Tag.

Auch als sie die Flure reinigte.

Auch als Louis mit seinen Freunden an ihr vorbeiging.

Und auch, als Victoire ihr absichtlich einen Stapel Notenblätter vor die Füße fallen ließ.

„Oh, entschuldige“, sagte sie lächelnd. „Ich vergesse immer, dass du hier nicht nur studierst.“

Élise kniete sich hin und sammelte die Blätter ein.

Früher hätte sie geschwiegen.

Diesmal hob sie den Kopf.

„Du solltest vorsichtig sein, Victoire.“

Das Lächeln der anderen Frau erstarrte.

„Womit?“

„Mit den Dingen, über die du lachst. Manchmal sind sie genau das, was du selbst am wenigsten verstehst.“

Dann stand Élise auf und ging.

Louis sah ihr nach.

Zum ersten Mal fragte er sich, ob das Mädchen, das er so gern verspottete, tatsächlich etwas besaß, das man nicht kaufen konnte.

Drei Tage später fand die Vorrunde des Nationalen Preises für junge Stimmen statt.

Der große Saal des Instituts Saint-Roch war bis auf den letzten Platz gefüllt. Vertreter renommierter Konservatorien saßen neben Musikjournalisten und Förderern.

Victoire erschien in einem eleganten schwarzen Kleid.

Ihre Mutter hatte eigens einen bekannten Gesangslehrer aus Mailand eingeladen. Hélène Caron begrüßte sie mit einer Umarmung und versprach ihr, dass sie an diesem Tag glänzen würde.

Élise kam in einem schlichten dunkelblauen Kleid, das sie von einer Kommilitonin geliehen hatte.

Ihre Schuhe waren abgetragen.

Ihre Hände zitterten.

In ihrer Tasche lag ein Brief aus dem Krankenhaus. Die nächste Behandlung ihrer Mutter würde mehr kosten, als Élise in zwei Monaten verdienen konnte.

Sie durfte nicht scheitern.

Nicht heute.

Als ihr Name aufgerufen wurde, erhob sich im hinteren Teil des Saals ein leises Kichern.

Louis saß in der ersten Reihe.

Victoire beugte sich zu ihm.

„Jetzt wird es interessant.“

Élise betrat die Bühne.

Sie sah das Publikum.

Dann das Klavier.

Schließlich entdeckte sie Antoine Ravel in der letzten Reihe.

Er nickte ihr einmal zu.

Élise schloss die Augen.

Und begann zu singen.

Schon beim ersten Ton verstummten die Gespräche.

Beim zweiten legte ein Jurymitglied seinen Stift nieder.

Als die Melodie ihren Höhepunkt erreichte, richtete sich Antoine langsam auf.

Er kannte dieses Lied.

Nicht nur die Melodie.