Die Sirenen wurden immer lauter, während Victoria völlig regungslos mitten auf der Terrasse stand, als würde das Geräusch der näher kommenden Polizei ihr sorgfältig aufgebautes Szenario schneller zerstören als jede Anschuldigung.

Nathaniel hielt seine Mutter an den Schultern, während ein Arzt unter den Gästen ihre Atmung überprüfte und alle bat, sich nicht dem Geländer zu nähern.

 

Ich stand daneben, spürte das Blut auf meinen Handflächen und sah nur Victoria an, denn ihre Angst wirkte längst nicht mehr wie die Panik einer Braut.

Sie blickte mehrmals zu den Aufzügen, dann zur Treppe und fragte anschließend plötzlich einen Sicherheitsmann, ob sie sich vor dem Eintreffen der Polizei umziehen dürfe.

Der Sicherheitsmann antwortete, dass niemand die Terrasse verlassen werde, bis die Beamten den Tatort dokumentiert und die ersten Aussagen der Zeugen aufgenommen hätten.

Victoria verlangte plötzlich einen Anwalt, obwohl sie noch eine Minute zuvor allen versichert hatte, es habe sich lediglich um einen gewöhnlichen Unfall gehandelt und es gebe keinerlei Grund für Ermittlungen.

Genau in diesem Moment bat Eleanor Nathaniel leise, sich näher zu ihr zu beugen, weil ihr das Sprechen nach dem Schock und den starken Schmerzen in der Schulter schwerfiel.

Ich hörte ihre ersten Worte nicht, doch ich sah, wie Nathaniels Gesicht zunächst erstarrte und sich dann langsam von Unglauben in echtes Entsetzen verwandelte.

Er hob den Blick zu Victoria und fragte, wo ihr jüngerer Bruder Adrian sei, von dem sie immer behauptet hatte, er sei vor acht Jahren gestorben.

Victoria wurde so sichtbar blass, dass selbst die Gäste, die das Gespräch nicht verstanden, aufhörten zu flüstern und sie aufmerksamer beobachteten.

Sie antwortete, Adrian sei tatsächlich tot, und Eleanor versuche lediglich, ihre Ehe endgültig zu zerstören, weil sie ihre Familie schon immer abgelehnt habe.

Eleanor schüttelte langsam den Kopf und sagte, sie habe am Morgen einen Brief von einem Mann erhalten, der genau das Gegenteil behauptete und überzeugende Dokumente beigefügt hatte.

Nach Eleanors Aussage hatte sich dieser Mann als Adrian Sinclair vorgestellt und um ein dringendes Treffen vor der Zeremonie gebeten, weil er Angst vor seiner eigenen Schwester Victoria hatte.

Nathaniel fragte, warum seine Mutter ihm nichts früher erzählt habe, und Eleanor gestand, dass sie zunächst beschlossen hatte, die Identität des Absenders mithilfe eines Anwalts selbst zu überprüfen.

Sie hatte Angst, die Hochzeit mit einer falschen Anschuldigung zu zerstören, deshalb bat sie den Familienanwalt, die Dokumente, Fotografien und alten Unterlagen über den Mann zu prüfen, der sich Adrian nannte.

Die Antwort kam nur vierzig Minuten vor der Zeremonie, und der Anwalt bestätigte, dass sich mehrere Angaben nicht durch eine einfache Fälschung oder einen Zufall erklären ließen.

Daraufhin führte Eleanor Victoria auf die Terrasse und verlangte, dass sie Nathaniel sofort die Wahrheit sage, bevor irgendwelche neuen Dokumente über das Familienvermögen unterzeichnet würden.

Nach diesen Worten hörte Victoria zum ersten Mal auf, das Gespräch selbst zu leugnen, und sagte, Eleanor habe kein Recht, sich in die Vergangenheit ihrer Familie einzumischen.

Die Polizisten betraten wenige Minuten später die Terrasse, trennten sofort die wichtigsten Beteiligten voneinander und begannen, das Geländer, den Boden, die zerbrochenen Gläser und das abgerissene Stück Stoff zu fotografieren.

Ein Ermittler bat mich, in den benachbarten Saal zu kommen, wo ich ausführlich beschrieb, wie Victorias Hände unmittelbar vor Eleanors Sturz positioniert gewesen waren.

Ich sagte nicht, dass ich ihr Motiv kannte, weil ich es nicht kannte, und wiederholte nur das, was ich tatsächlich mit eigenen Augen gesehen hatte.

Meine Aussage dauerte fast eine Stunde, weil der Ermittler mehrfach nach der Entfernung, der Bewegungsrichtung, der Beleuchtung und dem Moment fragte, in dem ich das Tablett fallen ließ.

Nach dem Gespräch bat ein anderer Beamter darum, meine Hände und mein Knie zu untersuchen, damit auch die medizinische Versorgung und Fotos meiner Verletzungen in den offiziellen Bericht aufgenommen werden konnten.

Ich wollte zu Eleanor zurückkehren, doch die Polizei erklärte, es sei besser, wenn die Zeugen vorerst keine Einzelheiten miteinander besprächen, damit sich ihre Erinnerungen nicht vermischten.

Nathaniel machte eine getrennte Aussage und bestätigte, dass er Victorias Hände unmittelbar vor dem Moment nahe am Rücken seiner Mutter gesehen hatte, als sie das Gleichgewicht verlor.

Victoria behauptete unterdessen, sie habe versucht, Eleanor nach einer abrupten Bewegung der älteren Frau festzuhalten, und erklärte das zerrissene Kleid damit, dass der Stoff versehentlich hängen geblieben sei.

Die Polizei erklärte sie vor Ort nicht für schuldig, bat sie jedoch, für weitere Fragen erreichbar zu bleiben, und schränkte vorübergehend den Zugang zu einigen Räumen ein.

Das Wichtigste geschah erst nach Mitternacht, als der Familienanwalt den Umschlag brachte, den Eleanor am Morgen erhalten und in ihrem Safe versteckt hatte.

Darin lagen Kopien einer Geburtsurkunde, alte Schulfotos, Krankenhausunterlagen und ein aktuelles Foto eines Mannes, der Victoria erstaunlich ähnlich sah.

Das beunruhigendste Dokument war jedoch eine notariell beglaubigte Erklärung, in der der Mann behauptete, niemals gestorben zu sein und viele Jahre unter einem anderen Namen gelebt zu haben.