Ein Multimillionär verspottete seine Hausangestellte, als sie ihm anbot, ihn im Tausch gegen die Essensreste zu porträtieren – ohne zu ahnen, dass sie eine außergewöhnlich begabte Künstlerin war.

TEIL 1

 

„Werfen Sie das ganze Essen weg. Morgen ist es sowieso nicht mehr gut.“

Alejandro Montiels Anweisung ließ Marisol Reyes das Tablett in ihren Händen fester umklammern.

Auf dem Tisch im Penthouse in Polanco lagen noch ganze Stücke Lendenbraten, Rosmarinkartoffeln, Brot, Salat und fast die Hälfte eines Schokoladenkuchens. Die Gäste hatten das Abendessen kaum angerührt, weil sie viel mehr damit beschäftigt gewesen waren, mit ihren Uhren, Reisen und Geschäften zu prahlen.

Marisol dachte an ihre Großmutter Elena, die an diesem Abend wahrscheinlich nur Kaffee mit einem Stück Tortilla zu sich nehmen würde, um das wenige Geld, das noch übrig war, für ihre Medikamente aufzusparen.

„Señor Montiel“, wagte sie zu sagen, „dürfte ich etwas von den Resten mitnehmen?“

Die Gespräche verstummten.

Alejandro, der Besitzer einer Kette von Luxushotels, drehte langsam den Kopf. Er war 45 Jahre alt, besaß ein riesiges Vermögen und war es gewohnt, dass man ihm gehorchte, ohne Fragen zu stellen.

„Wozu?“

„Meine Großmutter ist krank. Das Essen wird sonst weggeworfen und …“

„Ich brauche von dir keine Erklärung darüber, wie ich meinen Haushalt zu führen habe.“

Einige Gäste lächelten. Ein Mann mit einem Glas in der Hand lachte laut auf.

„Lass sie doch, Alejandro. Vielleicht will sie mit deinen Essensresten ein Restaurant eröffnen.“

Marisol spürte, wie ihre Wangen heiß wurden, doch sie senkte den Blick nicht.

Sie war 18 Jahre alt und arbeitete als Reinigungskraft, seit sie die Schule abgeschlossen hatte. Ihre Mutter Rocío war drei Jahre zuvor an Krebs gestorben. Nach der Beerdigung hatten Marisol und ihre Großmutter die Wohnung verloren, in der sie gelebt hatten, und monatelang in geliehenen Zimmern geschlafen.

In dieser Zeit hatte Marisol ihre Stifte weggepackt, das Malen aufgegeben und jede Arbeit angenommen, die sie finden konnte.

Bevor Rocío krank geworden war, hatte sie immer gesagt, ihre Tochter sehe Dinge, die andere Menschen übersahen. Marisol konnte stundenlang Gesichter in der Metro zeichnen, müde Hände auf Märkten oder alte Menschen, die vor einer Apotheke eingeschlafen waren. Mit 15 hatte sie ein Porträt ihrer Mutter bei einem nationalen Kunstwettbewerb eingereicht.

Sie hatte nie eine Antwort erhalten.

Dieses Schweigen hatte sie als Urteil verstanden: Sie war nicht gut genug.

Seitdem zeichnete sie nur noch auf Papierfetzen, die sie anschließend versteckte.

Alejandro deutete auf die Gemälde in seinem Esszimmer – teure Kunstwerke, die von Beratern ausgewählt worden waren.

„Die Regeln sind einfach. Das Personal nimmt nichts aus diesem Haus mit.“

„Sie können es mir von meinem Lohn abziehen.“

„Du willst Essen kaufen, das ich bereits wegwerfen lassen wollte?“

„Ich möchte dafür arbeiten.“

Eine Frau lachte.

„Und was für zusätzliche Arbeit könntest du schon machen? Das Haus ist sauber.“

Marisol blickte auf das große Porträt Alejandros, das über dem Kamin hing. Es war elegant, technisch perfekt und vollkommen kalt.

„Ich kann Sie zeichnen.“

Das Gelächter wurde lauter.

„Du?“, fragte Alejandro.

„Ja, Señor.“

„Und womit willst du das machen? Mit dem Wischmopp?“

Marisol schluckte.

„Ich brauche nur Papier und Zeichenkohle.“

Dr. Beatriz Soria, eine angesehene Kuratorin, die zum Abendessen eingeladen war, stellte ihr Glas auf den Tisch.

„Gib ihr eine Chance, Alejandro.“

„Das meinst du ernst?“

„Sie hat angeboten, für das Essen zu arbeiten. Lass sie es tun.“

Alejandro betrachtete Marisol, als hätte er gerade eine neue Form der Unterhaltung entdeckt.

„Du hast zehn Minuten. Wenn das Porträt so gut wird, wie du behauptest, darfst du alles mitnehmen, was vom Essen übrig geblieben ist. Wenn nicht, gehst du zurück in die Küche und unterbrichst nie wieder ein Abendessen.“

„Einverstanden.“

Doña Ofelia, die Haushälterin, brachte ein dickes Blatt Papier. Beatriz holte aus einem kleinen Etui in ihrer Handtasche ein Stück Zeichenkohle.

Alejandro stellte sich unter das Licht, direkt vor das teure Porträt an der Wand.

„Pass auf, dass du nicht zu viel vom echten Künstler kopierst.“

Marisol antwortete nicht.

In der ersten Minute gingen die Witze weiter.

In der dritten verstummten sie allmählich.

Das Gesicht auf dem Papier war unverkennbar. Marisol hatte die kräftigen Augenbrauen, den angespannten Kiefer und jene Art zu schauen eingefangen, als würde Alejandro ständig erwarten, von allen Menschen enttäuscht zu werden.

Doch etwas fehlte.

Während sie zeichnete, bemerkte sie, dass Alejandro immer wieder auf einen leeren Stuhl neben dem Kopfende des Tisches blickte. Jedes Mal, wenn er das tat, verschwand die Härte für einen Augenblick aus seinem Gesicht.

Marisol fügte den Stuhl dem Porträt hinzu.

Alejandro bemerkte es.

„Was machst du da?“

„Ich zeichne, was ich sehe.“

„Dieser Stuhl gehört nicht zum Porträt.“

„Sie sehen ihn an, als wäre er ein Teil von Ihnen.“

Die Stimmung im Raum veränderte sich.

„Radiere ihn weg.“

„Wenn ich das tue, ruiniere ich die Zeichnung.“

„Ich habe gesagt, du sollst ihn wegradieren.“

Marisol betrachtete sein Gesicht.