Für einen kurzen Moment herrschte Stille im Konferenzraum.
Das Mädchen legte ihr dünnes Notizbuch auf den Tisch, öffnete es und schob ein einzelnes Blatt Papier in die Mitte.
„Wenn Sie möchten, können Sie mich gerne testen“, sagte sie ruhig.
Richard lehnte sich in seinem teuren Ledersessel zurück. Ein spöttisches Lächeln lag auf seinem Gesicht.
„Das klingt interessant. Dann machen wir es doch etwas schwieriger. Sie behaupten, sieben Sprachen zu sprechen. Beweisen Sie es.“
Er winkte seinem Assistenten zu, der daraufhin sieben kurze Textabschnitte aus verschiedenen Dokumenten vorbereitete.
„Jeder dieser Texte stammt aus einem anderen Land. Einige enthalten komplizierte geschäftliche Formulierungen. Ich möchte nicht nur hören, ob Sie einzelne Wörter kennen. Ich möchte wissen, ob Sie den tatsächlichen Inhalt verstehen.“
Das Mädchen nickte.
„Einverstanden.“
Der erste Text war auf Englisch verfasst. Sie las ihn aufmerksam und erklärte anschließend den Inhalt in fließendem Deutsch. Danach wechselte sie ins Französische und erläuterte die wichtigsten Bedingungen eines Liefervertrags.
Die Manager hörten plötzlich auf zu lächeln.
Beim dritten Abschnitt ging es um eine spanische Geschäftskorrespondenz. Das Mädchen erkannte sofort eine mehrdeutige Formulierung und erklärte, weshalb eine falsche Übersetzung zu einem Missverständnis zwischen zwei Unternehmen führen könnte.
Richard richtete sich etwas auf.
„Zufall“, murmelte einer der Mitarbeiter.
Doch das Mädchen machte weiter.
Russisch. Chinesisch. Italienisch.
Bei jedem Abschnitt las sie zunächst aufmerksam, erklärte anschließend den Inhalt und wies auf schwierige Begriffe hin. Besonders beim chinesischen Text nahm sie sich Zeit, um eine Formulierung zu erläutern, die je nach Zusammenhang unterschiedlich verstanden werden konnte.
Als sie fertig war, blickte sie zu Richard.
„Möchten Sie noch einen Text?“
Niemand lachte mehr.
Der Firmeninhaber verschränkte die Arme.
„Wo hast du das gelernt?“
„Meine Großmutter hat mir einige Sprachen beigebracht. Für die anderen habe ich Bücher, Sprachkurse und internationale Vorlesungen genutzt. Ich übe jeden Tag.“
„Und du bist wirklich erst zwölf?“
„Ja.“
Ein Manager blätterte ungläubig in den Unterlagen.
„Aber warum bewirbst du dich überhaupt bei uns? Du bist doch noch schulpflichtig.“
Zum ersten Mal wurde das Gesicht des Mädchens etwas ernster.
Sie öffnete ihr Notizbuch und holte ein gefaltetes Foto heraus. Darauf waren ein kleines Mädchen und eine ältere Frau vor einem bescheidenen Haus zu sehen.
„Das ist meine Großmutter“, sagte sie. „Sie hat viele Jahre als Übersetzerin gearbeitet. Sie konnte Menschen aus verschiedenen Ländern helfen, miteinander zu sprechen, selbst wenn sie sich vorher nicht verstanden haben.“
Richard betrachtete das Foto nur kurz.
„Das ist eine schöne Geschichte. Aber wir sind ein Unternehmen, keine Wohltätigkeitsorganisation.“
Das Mädchen nickte.
„Das weiß ich. Ich bin auch nicht hier, um Mitleid zu bekommen.“
Sie schob ihm ein weiteres Blatt zu.
„Ich habe mir Ihre internationalen Projekte angesehen. Besonders Ihre Zusammenarbeit mit einem Unternehmen in Shanghai und einem Lieferanten in Italien. In beiden Fällen gibt es auf Ihrer Website Informationen, die in den verschiedenen Sprachversionen nicht vollständig übereinstimmen.“
Jetzt wurde Richard aufmerksam.
„Was soll das bedeuten?“
„Ich habe nur öffentlich zugängliche Informationen verglichen. In der italienischen Version wird ein Liefertermin anders angegeben als in der englischen. Und in der chinesischen Beschreibung fehlt eine wichtige Einschränkung.“
Einer der Abteilungsleiter nahm das Blatt und prüfte die Angaben.
Sein Gesichtsausdruck veränderte sich.
„Richard … sie hat recht.“
Der Firmeninhaber nahm das Papier.
„Sind Sie sicher?“
„Ich habe es gerade überprüft. Die Formulierung ist tatsächlich missverständlich.“
Das Mädchen blieb ruhig.
„Ich weiß nicht, ob das bereits zu Problemen geführt hat. Aber ich dachte, Sie sollten es überprüfen lassen.“
Richard sah sie nun völlig anders an.
Er hatte mit einem Kind gerechnet, das ein paar auswendig gelernte Sätze aufsagen würde. Stattdessen hatte sie einen Fehler entdeckt, den mehrere erfahrene Mitarbeiter offenbar übersehen hatten.
Doch dann stellte er eine weitere Frage:
„Wenn du so gut bist, warum gehst du nicht einfach zur Schule und wartest, bis du erwachsen bist?“
Das Mädchen senkte kurz den Blick.
„Weil ich nicht möchte, dass meine Fähigkeiten ungenutzt bleiben. Aber ich möchte auch meine Schule nicht aufgeben. Ich suche nach einer Möglichkeit, meine Kenntnisse in einem passenden Rahmen einzusetzen.“
Ihre Antwort überraschte die Personalchefin.
„Du möchtest also gar keine Vollzeitstelle?“
„Nein. Ich möchte lernen und praktische Erfahrungen sammeln. Vielleicht könnten Sie ein altersgerechtes Förderprogramm anbieten oder mich bei einem kleinen Übersetzungsprojekt unter Aufsicht unterstützen.“
Richard schwieg.
Zum ersten Mal an diesem Tag sah er nicht auf ihren Lebenslauf, sondern auf das Mädchen selbst.
Die Personalchefin beugte sich zu ihm.
„Wir sollten das ernsthaft prüfen. Ihre Fähigkeiten sind außergewöhnlich. Allerdings müssen wir sicherstellen, dass jede Zusammenarbeit mit ihrem Alter, ihrer Schulpflicht und den geltenden Vorschriften vereinbar ist.“
Richard nickte langsam.
„Das stimmt.“
Dann wandte er sich wieder an das Mädchen.
„Wie heißt du eigentlich?“
„Lena Hoffmann.“
„Lena, ich möchte dir eine Frage stellen. Und diesmal ist es keine Sprachprüfung.“
Sie sah ihn aufmerksam an.
„Was ist die wichtigste Fähigkeit eines guten Übersetzers?“
Lena dachte einige Sekunden nach.
„Nicht möglichst viele Wörter zu kennen.“
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