Zunächst geschah gar nichts.
Emma stand ruhig in der sonderbaren Vorrichtung. Die goldenen Platten bewegten sich leicht, während Meister Leon aufmerksam auf die kleinen Anzeigen blickte.
Dann ertönte ein leises Klicken.
Eine der Metallplatten sank nach unten.
Die zweite bewegte sich gleichzeitig nach oben.
Plötzlich begann ein schmaler Lichtstreifen an der Vorderseite der Vorrichtung zu leuchten.
Meister Leon trat näher.
„Das kann nicht sein“, murmelte er.
Die Kandidatinnen begannen zu tuscheln.
„Was ist denn jetzt passiert?“
„Vielleicht ist das Gerät kaputt“, flüsterte eine andere.
Doch Leon hörte ihnen nicht zu. Er betrachtete die Anzeigen, prüfte die Markierungen und drehte schließlich einen kleinen Schlüssel an der Seite der Konstruktion.
Ein tiefes Geräusch erfüllte den Saal.
Dann öffnete sich zwischen den beiden goldenen Elementen eine schmale Klappe.
Darin lag eine alte Metallplatte.
Auf ihr war ein königliches Wappen eingraviert, das seit Jahrzehnten niemand mehr gesehen hatte.
Adrian erhob sich so plötzlich von seinem Platz, dass sein Stuhl nach hinten rutschte.
„Woher kommt dieses Zeichen?“, fragte er.
Meister Leon wurde blass.
„Hoheit … dieses Wappen gehörte Ihrer Großmutter.“
Im Saal herrschte absolute Stille.
Adrian trat langsam näher.
Seine Großmutter, Königin Amalia, war vor vielen Jahren gestorben. Er hatte sie kaum gekannt, doch sein Vater hatte oft von ihr erzählt. Sie war eine außergewöhnliche Herrscherin gewesen, die sich für die einfachen Menschen eingesetzt hatte.
„Meine Großmutter hat diese Vorrichtung bauen lassen?“, fragte Adrian.
Leon nickte zögerlich.
„Ja. Aber sie hatte einen anderen Zweck, als man Ihnen erzählt hat.“
Adrian wandte sich zu ihm.
„Was soll das bedeuten?“
Der alte Handwerker atmete tief durch.
„Die Königin wollte ursprünglich eine Prüfung entwickeln, bei der nicht das Aussehen einer Frau bewertet wurde. Sie wollte herausfinden, ob jemand aufmerksam genug war, Ungerechtigkeit zu erkennen und den Mut hatte, sie anzusprechen.“
Ein Raunen ging durch den Saal.
Emma stand inzwischen wieder außerhalb der Vorrichtung.
„Aber warum wurde daraus ein Test für perfekte Beine?“, fragte sie.
Leon senkte den Kopf.
„Weil nach dem Tod der Königin jemand die ursprünglichen Unterlagen verändert hat. Aus einer Prüfung über Gleichgewicht, Aufmerksamkeit und Fairness wurde eine oberflächliche Auswahl nach körperlichen Merkmalen.“
Adrian sah seinen Berater an.
Dieser hatte das Verfahren seit vier Jahren organisiert.
„Sie haben mir gesagt, meine Großmutter habe diese Prüfung erfunden, um die ideale Königin zu finden.“
Der Berater räusperte sich.
„Das war die überlieferte Erklärung, Hoheit.“
„Eine Erklärung, die Sie offenbar nie überprüft haben.“
Meister Leon deutete auf die geöffnete Klappe.
„Es gibt noch etwas. Die Vorrichtung reagiert nicht auf die Form der Beine. Sie zeigt an, ob jemand bemerkt, dass die beiden beweglichen Platten nicht gleichmäßig eingestellt sind. Wer nur versucht, den Erwartungen anderer zu entsprechen, übersieht häufig, dass etwas nicht stimmt.“
Adrian blickte zu Emma.
„Und Sie haben es bemerkt?“
Emma nickte.
„Ja. Schon bevor ich hineingetreten bin.“
„Warum haben Sie nichts gesagt?“
Sie sah ihn ruhig an.
„Weil ich erst wissen wollte, ob jemand im Saal selbst bemerkt, dass dieses Gerät nicht richtig eingestellt ist.“
Einige Gäste senkten beschämt den Blick.
Emma fuhr fort:
„Die Platte auf der linken Seite war lockerer als die andere. Meister Leon hat sie vor meinem Durchgang überprüft, aber offenbar nicht bemerkt, dass sie sich erneut verschoben hatte. Ich wollte sehen, ob das Ergebnis überhaupt ernst genommen wird oder ob man einfach behauptet, mein Körper sei das Problem.“
Adrian sagte zunächst nichts.
Dann fragte er:
„Und warum wollten Sie überhaupt an dieser Prüfung teilnehmen? Sie wussten doch, dass die anderen Sie auslachen würden.“
Emma antwortete ohne Zögern:
„Weil ich gehört hatte, dass der zukünftige König eine Frau sucht, die dem Reich dienen soll. Ich dachte, vielleicht geht es bei diesem Test um etwas Wichtiges. Aber als ich hier ankam, sah ich nur Menschen, die andere nach ihrem Aussehen beurteilen.“
Sie blickte zu den lachenden Kandidatinnen.
„Ich wollte wissen, ob wirklich niemand den Mut hat, diese Frage zu stellen.“
Adrian sah sich im Saal um.
Zum ersten Mal schien er seine eigene Auswahlzeremonie mit anderen Augen zu betrachten.
Vier Jahre lang hatte er Frauen antreten lassen. Vier Jahre lang hatte er Ergebnisse beurteilt, ohne zu fragen, was diese Prüfung eigentlich aussagen sollte.
„Meister Leon“, sagte er schließlich, „holen Sie die ursprünglichen Unterlagen meiner Großmutter.“
Der alte Handwerker nickte.
„Ich weiß, wo sie aufbewahrt werden.“
Doch bevor er den Saal verlassen konnte, trat der königliche Berater nach vorne.
„Hoheit, ich muss Sie warnen. Wenn Sie dieses Verfahren öffentlich infrage stellen, wird das am Hof große Unruhe auslösen.“
Adrian drehte sich langsam zu ihm.
„Dann soll der Hof eben unruhig werden, wenn er auf einer falschen Grundlage aufgebaut wurde.“
Der Berater wurde blass.
Emma wollte sich bereits zurückziehen, als Adrian sie aufhielt.
„Bitte, warten Sie.“
Sie drehte sich um.
„Ich möchte Ihnen eine Frage stellen. Wenn Sie an meiner Stelle wären, was würden Sie jetzt tun?“
Emma dachte einen Moment nach.
Dann sagte sie:
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