„Sie wollen uns doch nicht ernsthaft erzählen, dass ausgerechnet Sie dieses Dokument übersetzen können?“

Der Soldat, der diese Worte ausgesprochen hatte, grinste höhnisch. Einige seiner Kameraden lachten laut. Andere tauschten spöttische Blicke aus.

Lulu stand regungslos vor ihnen.

Ihre schwarz-pinken Haare fielen ihr über die Schultern. Die kleinen Metallringe an ihrer Nase und ihrer Lippe glänzten im Licht der Deckenlampen. Sie wirkte weder eingeschüchtert noch verärgert.

Sie sah lediglich den Kommandanten an.

„Ich kann es übersetzen“, sagte sie ruhig.

Der Kommandant musterte sie skeptisch.

„Sind Sie sich sicher?“

„Ja, Sir.“

Ein weiteres Lachen ging durch die Reihen.

„Vielleicht kann sie zwei arabische Lieder auswendig!“, rief jemand.

„Das macht sie noch lange nicht zur Übersetzerin!“

Der Kommandant hob die Hand.

Sofort wurde es etwas ruhiger.

Er legte das Dokument auf einen Tisch und schob es zu Lulu.

„Gut. Dann beweisen Sie es.“

Lulu trat näher.

Sie nahm das Papier nicht sofort in die Hand. Stattdessen betrachtete sie zunächst die Überschrift, dann die handschriftlichen Anmerkungen am Rand.

Nach wenigen Sekunden veränderte sich ihr Gesichtsausdruck.

Das Lächeln verschwand.

Ihre Augen bewegten sich schnell über die Zeilen. Dann drehte sie das Dokument leicht zur Seite und betrachtete ein kleines Zeichen am unteren Rand.

„Sir“, sagte sie schließlich, „wer hat Ihnen dieses Dokument übergeben?“

Der Kommandant runzelte die Stirn.

„Das spielt für Ihre Aufgabe keine Rolle.“

„Doch. Eine sehr große sogar.“

Die Soldaten verstummten allmählich.

Lulu zeigte auf einen Absatz.

„Diese Übersetzung wäre falsch, wenn man nur die einzelnen Wörter betrachtet. Der Text enthält eine regionale Redewendung, die hier eine andere Bedeutung hat. Außerdem wurde ein Teil der handschriftlichen Ergänzung offenbar später hinzugefügt.“

Der Kommandant trat näher.

„Können Sie das genauer erklären?“

„Ja, Sir. Aber ich muss zuerst wissen, ob Sie die ursprüngliche Fassung besitzen.“

Der Kommandant sah sie überrascht an.

„Warum?“

„Weil die beiden Textteile nicht zusammenpassen. Einer davon stammt möglicherweise nicht vom ursprünglichen Verfasser.“

Jetzt lachte niemand mehr.

Der Soldat, der sie zuvor verspottet hatte, verschränkte die Arme.

„Das klingt nach einer Ausrede.“

Lulu blickte ihn kurz an.

„Wenn Sie möchten, können Sie selbst versuchen, den Text zu lesen.“

Er öffnete den Mund, brachte jedoch kein Wort heraus.

Der Kommandant bedeutete Lulu, fortzufahren.

Sie begann, die wichtigsten Passagen zu übersetzen. Ihre Stimme war ruhig und präzise. Sie erklärte nicht nur die Bedeutung einzelner Begriffe, sondern auch, weshalb eine wörtliche Übersetzung den Sinn des Dokuments verfälschen würde.

Nach etwa zehn Minuten legte sie den Stift nieder.

„Das ist die vorläufige Übersetzung, Sir.“

Der Kommandant nahm die Seiten entgegen.

Er las zunächst schweigend. Dann verglich er Lulus Fassung mit den Notizen, die er bereits erhalten hatte.

Seine Stirn legte sich in Falten.

„Das kann nicht sein …“

„Was ist los, Sir?“, fragte einer der Soldaten.

Der Kommandant antwortete nicht sofort.

Er wandte sich wieder Lulu zu.

„Sie haben gerade einen Fehler entdeckt, der in der bisherigen Auswertung übersehen wurde.“

Lulu nickte.

„Es ist kein gewöhnlicher Übersetzungsfehler. Die handschriftliche Ergänzung verändert die Aussage des gesamten Abschnitts.“

Der Kommandant blickte auf.

„Woher wissen Sie das?“

Lulu schwieg einen Moment.

Dann sagte sie etwas, womit niemand gerechnet hatte:

„Weil ich nicht nur Arabisch spreche. Ich habe mehrere Jahre damit verbracht, alte regionale Texte und militärische Fachsprache zu studieren. Außerdem habe ich bereits früher an offiziellen Übersetzungsprojekten mitgearbeitet.“

Ein Soldat hob überrascht die Augenbrauen.

„Aber warum haben Sie das niemandem erzählt?“

Lulu sah ihn ruhig an.

„Weil mich niemand gefragt hat.“

Diese Antwort traf die Gruppe unerwartet.

Der Kommandant betrachtete sie nun mit völlig anderem Blick.

„Warum haben Sie sich dann überhaupt für diese Einheit gemeldet?“

Lulu senkte kurz den Kopf.

„Weil ich Soldatin sein wollte, Sir. Nicht nur die Frau, die man ruft, wenn jemand eine fremde Sprache braucht.“

Für einen Augenblick herrschte vollkommene Stille.

Der Kommandant nickte langsam.

„Verstanden.“

Doch dann entdeckte Lulu etwas auf der letzten Seite.

Sie beugte sich erneut über das Dokument.

„Sir, bitte sehen Sie sich diese Zeile an.“

Er trat neben sie.

„Was ist damit?“

„Die Schreibweise unterscheidet sich vom Rest. Ich kann nicht sicher sagen, wer sie hinzugefügt hat. Aber diese Passage muss von einer unabhängigen Fachperson überprüft werden, bevor jemand daraus Schlussfolgerungen zieht.“

Der Kommandant wurde ernst.

„Sind Sie sicher?“

„Ich bin sicher, dass wir sie nicht ignorieren dürfen.“

Er nahm das Dokument an sich und ordnete an, die Übersetzung vertraulich prüfen zu lassen. Lulu sollte ihre Arbeit schriftlich dokumentieren, während eine zweite qualifizierte Person die sprachlichen Besonderheiten unabhängig kontrollierte.

Die Soldaten standen noch immer in einer Reihe.

Niemand machte einen Witz.

Schließlich trat der Mann, der Lulu zuerst verspottet hatte, einen Schritt vor.

„Ich … wollte Sie nicht beleidigen.“

Lulu sah ihn an.

„Doch. Genau das wollten Sie.“

Der Soldat senkte den Blick.

„Es tut mir leid.“

Sie antwortete nicht sofort.

Dann sagte sie:

„Vielleicht sollten Sie beim nächsten Mal warten, bis Sie wissen, wozu jemand fähig ist.“