
## Kapitel 02 – Das Geheimnis hinter den drei kleinen Tyrannen
Daniel wartete darauf, dass Mary schrie.
Er rechnete damit, dass sie ihre Tasche nahm, sich über die respektlosen Kinder beschwerte und das Anwesen verließ, bevor er überhaupt dazu kam, ihr das versprochene dreifache Gehalt anzubieten.
Doch Mary tat nichts davon.
Sie sah kurz auf das Spielzeugauto, das neben ihrem Schuh lag. Dann hob sie den Blick zu den drei Jungen.
„War das euer bester Versuch?“, fragte sie ruhig.
Die Brüder tauschten überraschte Blicke aus.
„Was?“, fragte der Junge in der Mitte.
Mary lächelte.
„Ich dachte, ihr wolltet mich vertreiben. Aber wenn ihr mich wirklich loswerden wollt, müsst ihr euch etwas Besseres einfallen lassen.“
Daniel starrte sie an.
„Mary, ich glaube, Sie verstehen nicht, mit wem Sie es zu tun haben.“
„Doch“, antwortete sie. „Mit drei kleinen Jungen, die gerade herausfinden wollen, wie weit sie gehen können.“
Der älteste der drei verschränkte die Arme.
„Wir machen dich fertig!“
Mary ging langsam in die Hocke, sodass sie auf Augenhöhe mit den Kindern war.
„Wie heißt du?“
„Ben.“
„Und du?“
„Noah.“
„Und du?“
Der dritte Junge schwieg zunächst. Dann murmelte er:
„Lucas.“
Mary nickte.
„Schöne Namen. Und jetzt möchte ich euch etwas fragen: Warum wollt ihr eigentlich, dass jedes Kindermädchen verschwindet?“
Ben grinste.
„Weil wir das können.“
„Das ist keine Antwort.“
Noah trat einen Schritt vor.
„Weil sie alle nerven. Sie sagen uns ständig, was wir machen sollen.“
„Und was wäre, wenn ich euch nicht ständig sagen würde, was ihr machen sollt?“
Die drei Jungen sahen sich an.
„Dann würden wir trotzdem machen, was wir wollen“, sagte Ben.
Mary lächelte wieder.
„Das klingt nach einem ziemlich anstrengenden Leben.“
Daniel konnte kaum glauben, was er hörte.
Seit Monaten hatte niemand mehr so mit seinen Söhnen gesprochen. Die meisten Betreuerinnen hatten versucht, die Jungen mit Regeln, Verboten oder Belohnungen unter Kontrolle zu bringen. Andere hatten sich bereits nach wenigen Stunden zurückgezogen.
Mary hingegen schien überhaupt keine Angst zu haben.
„Ich muss in fünf Minuten zu einer Besprechung“, sagte Daniel ungeduldig. „Können Sie bitte einfach dafür sorgen, dass die drei sich benehmen?“
Mary stand auf und sah ihn an.
„Herr Daniel, bevor Sie gehen, muss ich Ihnen etwas sagen.“
„Was denn?“
„Ihre Söhne brauchen nicht noch ein weiteres Kindermädchen, das versucht, sie zu kontrollieren. Sie brauchen einen Vater, der ihnen zuhört.“
Daniel erstarrte.
„Entschuldigung?“
„Sie haben mich richtig verstanden.“
Er blickte auf seine Uhr.
„Ich bezahle Sie dafür, sich um die Kinder zu kümmern, nicht dafür, meine Erziehung zu beurteilen.“
Mary blieb ruhig.
„Dann lassen Sie mich zunächst meine Arbeit machen. Aber ich werde Ihnen nicht versprechen, dass Ihre Kinder innerhalb eines Tages perfekt gehorchen.“
Daniel nahm seine Aktentasche.
„Wenn Sie bis heute Abend durchhalten, bekommen Sie das Dreifache des Gehalts.“
Mary nickte.
„Wir werden sehen.“
Als Daniel das Haus verließ, standen die drei Jungen noch immer auf der Treppe.
Ben beugte sich zu seinen Brüdern.
„Wir müssen sie sofort loswerden.“
Noah grinste.
„Ich habe schon eine Idee.“
Lucas sagte nichts. Er blickte Mary nur aufmerksam an.
Mary bemerkte es.
„Ihr drei“, rief sie freundlich, „habt ihr schon gefrühstückt?“
„Nein“, antwortete Ben.
„Gut. Dann machen wir etwas zusammen.“
„Wir wollen kein Frühstück!“, rief Noah.
„Das ist in Ordnung. Dann könnt ihr mir helfen, etwas zuzubereiten.“
Die Jungen lachten.
„Wir werden deine Küche zerstören!“
Mary hob eine Augenbraue.
„Dann solltet ihr besser aufpassen. Ich kann nämlich sehr gut aufräumen lassen.“
Die drei verstummten.
Zum ersten Mal hatten sie eine Erwachsene getroffen, die sich weder einschüchtern ließ noch sofort wütend wurde.
Mary führte sie in die Küche und stellte drei Schüsseln auf die Arbeitsfläche.
„Heute machen wir Pfannkuchen.“
„Wir werfen das Mehl auf dich“, kündigte Ben an.
„Das könnt ihr versuchen. Aber dann müsst ihr anschließend mit mir aufräumen.“
Noah nahm eine Schüssel und schüttete absichtlich etwas Mehl auf die Arbeitsfläche.
Mary reagierte nicht mit einem Schrei. Sie reichte ihm einfach einen kleinen Besen.
„Du hast angefangen. Du darfst auch aufräumen.“
Ben lachte zunächst. Doch als Mary ihm ebenfalls einen Lappen gab, hörte er auf.
Eine halbe Stunde später saßen die drei Jungen tatsächlich am Küchentisch und aßen ihre selbstgemachten Pfannkuchen.
Mary beobachtete sie aufmerksam.
Sie bemerkte, dass Lucas kaum sprach. Er betrachtete immer wieder den freien Stuhl am Kopfende des Tisches.
„Wem gehört dieser Platz?“, fragte sie.
Ben hörte auf zu kauen.
Noah senkte den Blick.
Lucas antwortete leise:
„Mama saß dort.“
Mary sah die drei Jungen an.
„Und wo ist eure Mama jetzt?“
„Sie kommt nicht mehr zurück“, sagte Ben.
Seine Stimme klang plötzlich ganz anders.
Mary setzte sich langsam zu ihnen.
„Es tut mir leid.“
Noah schob seinen Teller weg.
„Alle sagen immer, dass es ihnen leidtut. Aber keiner bringt Mama zurück.“
Mary antwortete nicht sofort.
Dann sagte sie: „Nein. Das kann leider niemand. Aber ihr müsst nicht so tun, als wäre alles in Ordnung, nur damit die Erwachsenen sich besser fühlen.“
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