# Teil 2 –

Margaret hob den Behälter langsam an.

Michael sprang erschrocken auf.

„Mama! Stell das sofort wieder hin!“

Doch seine Mutter reagierte nicht.

Ihr Blick war ausschließlich auf Anna gerichtet.

„Mal sehen, ob du wirklich so mutig bist, wie du immer tust“, sagte sie mit einem kalten Lächeln.

Anna drehte sich langsam um.

Als sie den Behälter sah, wich ihr zunächst die Farbe aus dem Gesicht. Darin bewegten sich mehrere Schlangen. Eine davon hob den Kopf und züngelte in Richtung des offenen Deckels.

Michael stellte sich sofort zwischen seine Mutter und seine Freundin.

„Das reicht! Du hast das schon bei den anderen gemacht. Ich lasse das nicht noch einmal zu!“

Margaret lachte leise.

„Du übertreibst. Es ist nur eine kleine Prüfung. Eine Frau, die wirklich zu dir passt, muss auch mit meiner Welt zurechtkommen.“

„Deine Welt?“, fragte Michael fassungslos. „Du wirfst Menschen Schlangen entgegen und nennst das eine Prüfung?“

Doch bevor Margaret antworten konnte, stand Anna auf.

Sie schrie nicht.

Sie versuchte auch nicht, sich irgendwie zu beweisen.

Stattdessen machte sie einen ruhigen Schritt zurück und sagte mit fester Stimme:

„Bitte schließen Sie den Behälter. Niemand sollte dieses Tier erschrecken oder gefährden.“

Margaret blinzelte überrascht.

„Wie bitte?“

„Sie haben mich richtig verstanden. Ich habe keine Angst davor, ehrlich zu sagen, dass ich diese Situation nicht akzeptiere.“

Für einen Moment herrschte absolute Stille.

Dann geschah etwas, womit Michael niemals gerechnet hätte.

Anna sah nicht mehr Margaret an.

Sie wandte sich ihrem Freund zu.

„Michael, ich muss dich etwas fragen. Wusstest du, dass sie das mit deinen früheren Freundinnen auch gemacht hat?“

Michael senkte den Kopf.

„Ja.“

Anna sah ihn enttäuscht an.

„Und du hast mich trotzdem hierhergebracht, ohne mir zu sagen, dass sie möglicherweise eine Schlange nach mir werfen würde?“

„Ich wollte nicht, dass du Angst bekommst. Ich dachte, vielleicht würde sie sich diesmal anders verhalten.“

Anna schüttelte langsam den Kopf.

„Du hast gehofft, dass ich ihre Behandlung einfach akzeptiere. Aber du hast nicht daran gedacht, dass ich mich dabei unsicher fühlen könnte.“

Michael hatte keine Antwort.

### Die Frau, die Margaret nicht einschüchtern konnte

Margaret stellte den Behälter schließlich auf den Boden und verschloss ihn.

Dann verschränkte sie die Arme.

„Ich wusste es“, sagte sie. „Du bist genauso wie die anderen. Sobald du etwas siehst, das dir nicht gefällt, willst du verschwinden.“

Anna drehte sich zu ihr um.

„Nein, Margaret. Ich gehe nicht, weil Sie Schlangen halten. Ich gehe auch nicht, weil Sie eine ungewöhnliche Leidenschaft haben. Ich gehe nicht einmal, weil Sie mich heute erschreckt haben.“

Sie machte eine kurze Pause.

„Ich gehe möglicherweise, weil Sie glauben, dass Sie Menschen absichtlich in Angst versetzen dürfen, nur um zu entscheiden, ob sie gut genug für Ihren Sohn sind.“

Margarets Gesicht wurde hart.

„Du kennst mich überhaupt nicht.“

„Das stimmt. Aber ich sehe, wie Sie Ihren Sohn behandeln.“

Michael blickte überrascht auf.

Anna fuhr fort:

„Er ist 27 Jahre alt. Er darf eine eigene Beziehung führen. Er darf eine Frau lieben, ohne dass sie zuerst Ihre Zustimmung durch eine gefährliche Mutprobe gewinnen muss.“

Margaret lachte verächtlich.

„Du glaubst wohl, du kannst mir meinen Sohn wegnehmen.“

„Nein“, antwortete Anna. „Ich möchte ihn nicht von Ihnen wegnehmen. Ich möchte nur, dass er selbst entscheiden darf, wie sein Leben aussehen soll.“

Michael sah seine Freundin an.

Zum ersten Mal hatte jemand ausgesprochen, was er selbst seit Jahren nicht zu sagen wagte.

### Drei Frauen, drei Geschichten

Margaret ging zum Fenster und blickte in den Garten.

„Die anderen waren auch sehr mutig“, sagte sie plötzlich. „Aber keine von ihnen ist geblieben.“

Michael schüttelte den Kopf.

„Mama, hör auf.“

„Die erste hat geweint. Die zweite hat mich angeschrien. Die dritte hat sofort ihre Tasche genommen und ist gegangen.“

Anna blieb ruhig.

„Und haben Sie sich jemals gefragt, warum?“

Margaret drehte sich um.

„Weil sie nicht die Richtige waren.“

„Oder weil keine von ihnen so behandelt werden wollte?“

Margaret schwieg.

Michael setzte sich wieder auf das Sofa.

„Ich habe jedes Mal versucht, dir zu erklären, dass dein Verhalten nicht normal ist. Aber du hast mir immer gesagt, ich müsse eine Frau finden, die dich versteht.“

„Das ist doch nicht zu viel verlangt!“, rief Margaret.

„Doch, wenn du damit meinst, dass sie alles hinnehmen muss, was du tust.“

Die Stimme ihres Sohnes klang ruhig, aber entschlossen.

Margaret schien zum ersten Mal zu bemerken, dass Michael nicht mehr der Junge war, der sich früher sofort entschuldigte, wenn sie verärgert war.

### Das Geheimnis im alten Fotoalbum

Anna griff nach ihrer Handtasche.

„Michael, vielleicht sollten wir heute gehen.“

Doch Margaret hob plötzlich die Hand.

„Warte.“

Ihre Stimme klang anders.

Nicht mehr triumphierend.

Eher erschöpft.

Sie ging zu einer alten Kommode und zog eine Schublade auf. Daraus nahm sie ein Fotoalbum.

„Ihr glaubt, ich mache das, weil ich grausam bin“, sagte sie leise.

Michael sah sie misstrauisch an.