Teil 2 –
Als die Ermittler das vergilbte Papier vom Armaturenbrett lösten, wurde es zunächst still.
Darauf standen sechzehn Namen.
Fünfzehn gehörten den Kindern, die im Frühjahr 1986 während ihres Schulausflugs verschwunden waren. Der sechzehnte Name gehörte ihrem Lehrer, Herrn Friedrich Keller.
Neben jedem Namen befand sich ein kleines rotes Kreuz.
Doch unter der Liste stand ein Satz, der die erfahrensten Polizisten sprachlos machte:
**„Sie sind nicht verloren. Sie warten auf die Rückkehr desjenigen, der sie hierhergebracht hat.“**
Niemand wusste, was diese Worte bedeuteten.
Warum sollte jemand eine solche Nachricht in einem Schulbus hinterlassen?
Und vor allem: Warum war der Bus so tief unter der Erde vergraben worden?
### Die Tür, die 39 Jahre lang verschlossen blieb
Der leitende Ermittler, Hauptkommissar Thomas Berger, stand vor dem Fahrzeug und betrachtete die rostigen Türen.
„Wir öffnen den Bus erst, wenn die Spurensicherung alles dokumentiert hat“, sagte er.
Die Arbeiter waren inzwischen weit vom Fundort zurückgetreten. Einige hatten ihre Telefone gezückt, doch die Polizei bat sie, keine Aufnahmen zu veröffentlichen.
Als die Türen schließlich vorsichtig geöffnet wurden, fiel ein Schwall alter, feuchter Luft aus dem Inneren.
Die Sitze waren beschädigt. Der Boden war mit Erde bedeckt, und an den Fenstern klebten noch Reste alter Vorhänge.
Doch etwas stimmte nicht.
Die Ermittler hatten erwartet, persönliche Gegenstände der verschwundenen Kinder zu finden. Vielleicht Schulranzen, Brotdosen oder Kleidungsstücke.
Stattdessen entdeckten sie etwas viel Merkwürdigeres.
Auf jedem Sitz lag ein kleines, sorgfältig gefaltetes Stück Papier.
Jedes trug den Namen eines Kindes.
Und auf jedem stand derselbe Satz:
*„Wenn du das hier liest, erinnere dich an den letzten Schultag.“*
Thomas Berger nahm eines der Blätter in die Hand.
Darunter befand sich eine Zeichnung.
Ein großes Haus mit zwölf Fenstern.
Vor dem Haus standen fünfzehn kleine Figuren.
Und hinter ihnen war ein Mann zu sehen, dessen Gesicht vollständig durchgestrichen war.
„Was soll das bedeuten?“, murmelte einer der Ermittler.
Berger antwortete nicht.
Er betrachtete nur die Zeichnung.
Denn das Haus kam ihm bekannt vor.
Es war dasselbe alte Gebäude, das seit Jahrzehnten am nördlichen Rand des Waldes stand.
### Die Erinnerung eines alten Mannes
Noch am selben Abend wurde die Nachricht vom Fund des Busses in der ganzen Region bekannt.
Eine Frau namens Elisabeth Hartmann, inzwischen 78 Jahre alt, meldete sich bei der Polizei.
Sie war die Mutter eines der verschwundenen Kinder.
Ihr Sohn Daniel war damals zehn Jahre alt gewesen.
Seit 39 Jahren hatte sie sein Zimmer nicht verändert. Seine Bücher standen noch immer im Regal, sein kleiner Fußball lag unter dem Bett, und an der Wand hing ein vergilbtes Foto seiner Schulklasse.
Als Thomas Berger sie besuchte, hielt sie das Foto mit beiden Händen fest.
„Ist mein Daniel dort gewesen?“, fragte sie.
Der Kommissar nickte.
„Sein Name steht auf der Liste.“
Elisabeth schloss die Augen.
„Dann haben Sie ihn gefunden?“
Berger zögerte.
„Wir haben den Bus gefunden. Aber wir wissen noch nicht, was damals wirklich passiert ist.“
Die alte Frau stand langsam auf und ging zu einem Schrank.
Sie holte eine kleine Blechdose hervor.
Darin lagen mehrere Briefe.
„Diese Nachricht bekam ich drei Tage nach dem Verschwinden“, sagte sie.
Der Brief war nie an die Polizei weitergegeben worden.
Elisabeth erklärte, dass sie ihn damals anonym im Briefkasten gefunden hatte. Sie hatte ihn aus Angst und Verzweiflung aufbewahrt.
Thomas öffnete vorsichtig den Umschlag.
Die Nachricht bestand nur aus zwei Zeilen:
*„Ihr Sohn hat keine Angst. Er glaubt, dass wir bald nach Hause kommen. Suchen Sie nicht dort, wo alle suchen.“*
Darunter stand ein einzelner Buchstabe:
**F.**
„Wer könnte das geschrieben haben?“, fragte Berger.
Elisabeth begann zu zittern.
„Ich weiß es nicht. Aber ich erinnere mich an etwas.“
„Woran?“
„Am Morgen des Ausflugs kam ein Mann zur Schule. Er trug einen grauen Mantel und sprach lange mit dem Direktor. Ich dachte damals, er sei ein Verwandter eines der Kinder.“
„Haben Sie ihn wiedererkannt?“
Die alte Frau nickte langsam.
„Ja. Ich habe ihn vor einigen Jahren auf einem Foto in der Zeitung gesehen.“
Sie zeigte auf das Bild ihres Sohnes.
„Er war der damalige Hausmeister der Schule.“
### Das Haus mit den zwölf Fenstern
Am nächsten Morgen untersuchte die Polizei das verlassene Gebäude am Waldrand.
Es war ein ehemaliges Kinderheim, das bereits vor dem Verschwinden der Schüler geschlossen worden war.
Die Fenster waren vernagelt, die Eingangstür hing schief in ihren Angeln, und auf dem Dach fehlten mehrere Ziegel.
Thomas Berger betrachtete die Fassade.
Zwölf Fenster.
Genau wie auf der Zeichnung.
„Wir durchsuchen das Gebäude vollständig“, ordnete er an.
Im Inneren roch es nach Staub und feuchtem Holz. In einem ehemaligen Aufenthaltsraum standen noch alte Tische. An einer Wand hingen verblasste Zeichnungen.
Eine davon zeigte einen gelben Bus.
Daneben hatten Kinder mit Buntstiften fünfzehn kleine Sonnen gemalt.
Unter der Zeichnung stand:
**„Wir kommen alle wieder.“**
Ein junger Ermittler entdeckte hinter einem losen Wandpaneel einen schmalen Umschlag.
Darin befand sich ein altes Klassenfoto.
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