TEIL 2:

Ich sah Leon an und wusste nicht, ob ich ihm vertrauen sollte.

„Was genau soll ich spielen?“, flüsterte ich.

Er lächelte kaum merklich.

„Nur, dass du heute Abend nicht allein gekommen bist.“

„Und warum sollte meine Schwester das bereuen?“

Sein Blick wanderte kurz zu Mira, die noch immer neben der Bar stand. Ihr Champagnerglas schwebte unbewegt vor ihrem Mund.

„Weil sie offenbar vergessen hat, wer ich bin.“

Bevor ich etwas erwidern konnte, stand Leon auf und hielt mir seine Hand hin.

„Darf ich um diesen Tanz bitten?“

Ich zögerte.

Dann legte ich meine Hand in seine.

### Der Tanz, der den ganzen Saal verstummen ließ

Als wir die Tanzfläche betraten, verstummten einige Gespräche.

Leon führte mich ruhig und mit sicherem Abstand. Er drängte mich nicht, stellte keine unangenehmen Fragen und ließ mir jederzeit die Möglichkeit, mich zurückzuziehen.

„Du musst mir noch erklären, was hier vor sich geht“, sagte ich leise.

„Das werde ich. Aber zuerst möchte ich, dass du weißt, dass du dich nicht für dein Leben rechtfertigen musst.“

Ich sah ihn überrascht an.

„Was meinst du?“

„Ich habe gehört, wie deine Schwester über dich gesprochen hat. Als wäre eine Frau ohne Ehemann weniger wert. Das ist Unsinn.“

Zum ersten Mal an diesem Abend musste ich lächeln.

Dann bemerkte ich Mira.

Sie kam direkt auf uns zu.

„Leon!“, rief sie mit einer Stimme, die plötzlich viel freundlicher klang. „Was für eine Überraschung! Ich wusste gar nicht, dass du heute kommst.“

Leon drehte sich zu ihr.

„Das überrascht mich nicht.“

Miras Lächeln wurde schmaler.

„Du kennst meine Schwester?“

„Wir haben uns gerade kennengelernt.“

„Ach, wie schön! Sie hat ja manchmal Schwierigkeiten, neue Menschen kennenzulernen.“

Ich spürte, wie meine Geduld schwand.

Doch Leon antwortete, bevor ich etwas sagen konnte:

„Vielleicht liegt das daran, dass manche Menschen ihr ständig das Gefühl geben, sie müssten sich für sich selbst entschuldigen.“

Mira wurde rot.

„Das war doch nur Spaß!“

„Dann solltest du dringend deinen Sinn für Humor überprüfen.“

Einige Gäste drehten sich um.

Mira zwang sich zu einem Lachen und entfernte sich.

Leon sah mich an.

„Alles in Ordnung?“

Ich nickte.

Doch ich ahnte noch nicht, dass dieser Tanz nur der Anfang war.

### Wer war Leon wirklich?

Nach dem Tanz führte Leon mich zu einem ruhigeren Bereich neben der Terrasse.

Dort stand ein älterer Herr, der sich gerade mit dem Bräutigam unterhielt.

Als er Leon sah, lächelte er.

„Da bist du ja! Ich habe dich schon gesucht.“

Leon stellte mich vor.

„Das ist …“

Er hielt kurz inne.

„Das ist die Frau, die heute Abend offenbar mehr Mut beweist als die Hälfte dieses Saals.“

Ich musste lachen.

Der ältere Herr reichte mir freundlich die Hand.

„Freut mich. Ich bin Friedrich Hartmann.“

Der Name sagte mir zunächst nichts.

Doch dann hörte ich hinter mir eine überraschte Stimme.

„Herr Hartmann?“

Mira stand plötzlich neben uns.

Ihr Gesicht hatte jede Farbe verloren.

Friedrich sah sie ruhig an.

„Guten Abend, Mira.“

Sie blickte von ihm zu Leon und wieder zurück.

„Ich wusste nicht, dass Sie verwandt sind.“

Leon antwortete:

„Das hättest du wissen können, wenn du dich vor der Hochzeit ein wenig mit der Familie deines Mannes beschäftigt hättest.“

Mira schluckte.

Ich verstand immer noch nicht, was geschah.

Dann erklärte Friedrich:

„Leon ist mein Neffe. Ich habe ihn gebeten, heute zu kommen, weil ich mit der Familie deines Mannes über eine geschäftliche Angelegenheit sprechen wollte.“

Mira wurde noch nervöser.

„Welche geschäftliche Angelegenheit?“

Friedrich lächelte nicht mehr.

„Die Vereinbarung, die du meinem Sohn vor einigen Wochen vorgelegt hast.“

### Ein Geheimnis hinter der Hochzeit

Ich blickte zu Leon.

„Was hat das alles mit meiner Schwester zu tun?“

Er antwortete ruhig:

„Meine Familie besitzt ein Unternehmen, das seit vielen Jahren mit der Firma deines Schwagers zusammenarbeitet. Vor einiger Zeit wurden uns Unterlagen vorgelegt, die Fragen aufgeworfen haben.“

Friedrich ergänzte:

„Es geht um eine Beteiligung an einem gemeinsamen Immobilienprojekt. Einige Angaben waren nicht vollständig. Wir wollten die Angelegenheit prüfen, bevor eine Entscheidung getroffen wird.“

Mira schüttelte sofort den Kopf.

„Das ist ein Missverständnis!“

„Dann lässt es sich sicher aufklären“, sagte Friedrich.

Mein Blick wanderte zu meiner Schwester.

„Mira, was hat das mit dir zu tun?“

Sie antwortete nicht.

Leon zog einen Stuhl heran.

„Vielleicht sollte deine Schwester dir erklären, warum sie heute Abend unbedingt wollte, dass du dich klein fühlst.“

Mira fuhr herum.

„Du hast kein Recht, dich einzumischen!“

„Das stimmt. Aber ich habe jedes Recht, Fragen zu stellen, wenn mir Unterlagen vorgelegt werden, deren Angaben nicht zusammenpassen.“

### Die Wahrheit über Tisch Nummer zwölf

Ich setzte mich.

„Ich möchte endlich wissen, was hier los ist.“

Friedrich öffnete eine schmale Ledermappe.

Darin lagen mehrere Kopien von Dokumenten.

„Deine Schwester hat uns vor einigen Wochen mitgeteilt, dass du dich möglicherweise an einem gemeinsamen Projekt beteiligen möchtest.“

Ich runzelte die Stirn.

„Ich?“