Teil 2 –

Ich starrte auf den Bildschirm.

Zunächst verstand ich nicht, was mein Cousin mir zeigen wollte. Auf dem Bild waren mehrere auffällige Bereiche zu erkennen. Er vergrößerte die Aufnahme und wechselte anschließend zu den Laborergebnissen.

„Das sind nicht einfach nur die Folgen von Stress“, sagte er leise.

„Was bedeutet das?“

Er zog seinen Stuhl näher an mich heran.

„Deine Blutwerte zeigen Veränderungen, die wir sehr ernst nehmen müssen. Zusammen mit deinen Beschwerden ergibt sich ein Verdacht, den wir unbedingt abklären müssen.“

Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug.

„Habe ich eine schwere Krankheit?“

Mein Cousin schwieg einen Moment.

„Ich möchte dir nichts verschweigen. Es gibt Hinweise darauf, dass du über längere Zeit einer schädlichen Substanz ausgesetzt gewesen sein könntest. Wir müssen weitere Untersuchungen durchführen, um herauszufinden, was genau passiert ist.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Das ist unmöglich. Ich verstehe nicht, wie das passieren soll.“

Mein Cousin sah mich ernst an.

„Du hast mir erzählt, dass dein Mann deine Beschwerden immer wieder heruntergespielt hat. Dass er dich davon abgehalten hat, dich untersuchen zu lassen. Stimmt das?“

Ich nickte langsam.

„Er sagte, ich sei überarbeitet. Er meinte, ich würde mir alles nur einbilden.“

„Hat er dir regelmäßig irgendwelche Mittel gegeben, die du nicht selbst ausgesucht oder ärztlich verordnet bekommen hast?“

Ich wollte sofort Nein sagen.

Doch dann erinnerte ich mich an etwas.

Seit Monaten bereitete mein Mann Daniel mir jeden Morgen ein Getränk zu. Er behauptete, es sei eine besondere Mischung, die meine Energie zurückbringen sollte. Wenn ich es einmal ablehnte, wurde er ungewöhnlich ungehalten.

„Er macht mir jeden Morgen etwas zu trinken“, flüsterte ich.

Mein Cousin schrieb sich etwas auf.

„Bitte verändere jetzt nichts an deiner bisherigen medizinischen Versorgung. Wir werden dich hier behalten und weitere Tests durchführen. Und vor allem: Du solltest vorerst nicht allein mit Daniel sein.“

Ich sah ihn entsetzt an.

„Du glaubst doch nicht wirklich, dass mein Mann etwas damit zu tun hat?“

Mein Cousin antwortete nicht sofort.

Dann sagte er einen Satz, der mir den Boden unter den Füßen wegzog:

„Ich glaube, dass wir jede Möglichkeit ernst nehmen müssen. Auch die, die du dir am wenigsten vorstellen kannst.“

### Der Mann vor der Tür

In diesem Moment klopfte es.

Daniel öffnete die Tür, ohne auf eine Antwort zu warten.

„Was dauert hier so lange?“, fragte er. „Sie ist völlig erschöpft. Wir sollten nach Hause fahren.“

Mein Cousin stellte sich zwischen ihn und mein Bett.

„Ihre Frau bleibt vorerst zur Beobachtung hier.“

Daniel runzelte die Stirn.

„Warum? Die Untersuchung ist doch vorbei.“

„Wir benötigen weitere medizinische Untersuchungen.“

„Das ist doch lächerlich! Sie braucht Ruhe, keine weiteren Tests.“

Mein Cousin blieb ruhig.

„Die Entscheidung über ihre Behandlung trifft das medizinische Team gemeinsam mit der Patientin.“

Daniel sah mich an.

„Schatz, sag ihnen, dass du nach Hause möchtest. Du weißt doch, wie du dich in Krankenhäusern fühlst.“

Früher hätte ich sofort auf ihn gehört.

Ich hätte seine Hand genommen, mich entschuldigt und versucht, die Situation zu beruhigen.

Doch diesmal bemerkte ich etwas, das mir vorher nie aufgefallen war.

Daniel fragte nicht, ob ich Schmerzen hatte.

Er fragte nicht, ob ich Angst hatte.

Er wollte nur, dass ich das Krankenhaus verließ.

„Ich möchte hierbleiben“, sagte ich leise.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Was?“

„Ich möchte die Untersuchungen abschließen.“

Für einen kurzen Augenblick sah ich etwas in seinen Augen, das ich nicht einordnen konnte. Es war keine Sorge.

Es war Ärger.

Dann lächelte er wieder.

„Natürlich, Liebling. Wenn du meinst.“

Er beugte sich zu mir und sagte so leise, dass mein Cousin es kaum hören konnte:

„Du machst aus einer Kleinigkeit ein riesiges Problem.“

Als er den Raum verließ, begann ich zu zittern.

Mein Cousin schloss die Tür und setzte sich wieder zu mir.

„Du hast gerade die richtige Entscheidung getroffen.“

### Acht Jahre voller Erinnerungen

In dieser Nacht konnte ich kaum schlafen.

Ich dachte an die vergangenen Monate zurück.

An die Morgen, an denen ich kaum die Augen öffnen konnte.

An die Tage, an denen ich mich bei der Arbeit kaum konzentrieren konnte.

An die blauen Flecken, für die Daniel immer eine Erklärung gefunden hatte.

„Du stößt dich ständig irgendwo.“

„Du schläfst einfach schlecht.“

„Du brauchst Urlaub.“

Ich hatte ihm geglaubt.

Schlimmer noch: Ich hatte mich selbst für meine Beschwerden verantwortlich gemacht.

Ich erinnerte mich an einen Abend, an dem ich ihn gebeten hatte, mit mir zu einem Arzt zu fahren. Er hatte mir versprochen, am nächsten Morgen einen Termin zu vereinbaren.

Doch am nächsten Morgen hatte er gesagt, ich hätte mich in der Nacht doch wieder besser gefühlt.

Dann war der Termin nie zustande gekommen.

Ein anderes Mal hatte ich ihm erzählt, dass ich Angst vor den unerklärlichen Beschwerden bekam.

Er hatte mich in den Arm genommen und gesagt:

„Du musst lernen, mir zu vertrauen. Ich weiß, was gut für dich ist.“

Damals hatte ich diese Worte für Liebe gehalten.