TEIL 2:

Ich saß vor dem Laptop und konnte nicht glauben, was ich gerade gesehen hatte.

Auf dem Bildschirm war mein Mann Markus zu erkennen. Er kam nach Hause, stellte seine Aktentasche ab und sah sich zunächst im Wohnzimmer um.

Dann tat er etwas Seltsames.

Er ging direkt zu dem Regal, hinter dem sich unser Tresor befand. Er blickte kurz in Richtung der Kamera und zog anschließend sein Handy aus der Tasche.

Ich beugte mich näher zum Bildschirm.

Markus telefonierte.

„Ja, sie ist seit gestern weg“, sagte er leise. „Wir haben also genug Zeit.“

Mir wurde kalt.

Mit wem sprach er?

Ich erhöhte die Lautstärke.

„Nein, sie weiß nichts davon. Sie glaubt, der Tresor sei sicher. Ich habe ihr nie erzählt, dass ich noch einen Schlüssel habe.“

Ich hielt den Atem an.

Einen Schlüssel?

Ich wusste, dass es einen Ersatzschlüssel gab. Doch der lag nach unserer Vereinbarung in einem verschlossenen Fach bei meiner Bank. Markus hatte keinen Zugang dazu.

Auf dem Video ging er zum Regal, nahm einen kleinen Gegenstand aus seiner Jackentasche und öffnete damit den Tresor.

Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug.

Er nahm einen Umschlag heraus, betrachtete den Inhalt und legte ihn in seine Aktentasche. Danach schloss er den Tresor wieder und stellte die Bücher davor.

Dann hörte ich seine Stimme erneut.

„Das ist nur der erste Teil. Den Rest holen wir, sobald sie zurück ist und keinen Verdacht schöpft.“

Ich stoppte die Aufnahme.

Meine Hände waren eiskalt.

Was hatte mein Mann aus unserem Tresor genommen? Und wer war die Person am anderen Ende der Leitung?

Ich wollte nicht vorschnell urteilen. Vielleicht gab es eine Erklärung. Vielleicht handelte es sich um Unterlagen, die er für die Arbeit brauchte.

Aber warum hatte er dann gesagt, dass ich nichts davon wusste?

Ich öffnete die nächste Aufnahme.

Am folgenden Tag kam Markus erneut nach Hause. Diesmal war er nicht allein.

Eine Frau betrat unser Wohnzimmer.

Ich erkannte sie sofort: Sabine, seine Schwester.

Sie trug eine große Handtasche und sah sich nervös um.

„Bist du sicher, dass die Kamera nicht mehr funktioniert?“, fragte sie.

Markus lachte leise.

„Sie ist kaputt. Genau deshalb hat sie mich doch gebeten, den Techniker zu bestellen.“

Sabine schüttelte den Kopf.

„Und wenn sie die Aufnahmen später überprüft?“

„Das wird sie nicht. Sie löscht die alten Aufnahmen normalerweise sofort.“

Ich erstarrte.

Sie wussten also von der Kamera.

Und sie glaubten, sie sei weiterhin defekt.

Sabine setzte sich auf das Sofa.

„Hast du die Unterlagen?“

Markus öffnete seine Aktentasche und holte den Umschlag hervor, den ich am Vortag gesehen hatte.

„Hier.“

Sie nahm ihn, öffnete ihn und betrachtete mehrere Dokumente.

„Das ist tatsächlich ihre Unterschrift?“

„Ja.“

„Und sie weiß nicht, dass du diese Kopie hast?“

Markus schüttelte den Kopf.

„Sie hat mir vor Monaten eine Vollmacht gegeben, damit ich mich um einige Bankangelegenheiten kümmern kann. Sie dachte, es ginge nur um die üblichen Dinge.“

Sabine legte die Unterlagen zurück.

„Markus, das ist riskant. Wenn sie herausfindet, wofür du die Vollmacht benutzt hast, wird sie dir niemals verzeihen.“

Er wurde ernst.

„Ich habe keine andere Wahl. Wir brauchen das Geld.“

„Wir?“, fragte Sabine. „Du meinst wohl deine Schulden.“

Er antwortete nicht.

In diesem Moment verstand ich, dass es nicht um eine heimliche Überraschung oder einen harmlosen Gefallen ging.

Mein Mann hatte offenbar meine Dokumente benutzt, ohne mir zu sagen, wofür.

Ich konnte nicht länger zusehen.

Doch bevor ich etwas unternahm, wollte ich wissen, was genau fehlte.

Ich öffnete die Aufzeichnung des ersten Abends erneut und achtete diesmal auf die Gegenstände, die Markus aus dem Tresor genommen hatte.

Es waren zwei Umschläge.

Einer enthielt unsere Unterlagen zum Haus. Der andere war dunkelblau und mit meinem Namen beschriftet.

Ich kannte diesen Umschlag.

Darin befanden sich Dokumente zu einem kleinen Grundstück, das ich vor einigen Jahren von meiner Großmutter geerbt hatte. Es war für mich nicht nur finanziell wertvoll, sondern hatte auch eine große persönliche Bedeutung.

Ich hatte Markus damals vertraut und ihm erlaubt, die Unterlagen im gemeinsamen Tresor aufzubewahren.

Jetzt fragte ich mich, ob er dieses Vertrauen ausgenutzt hatte.

Ich rief meine Schwester Julia an.

„Ich muss dich etwas fragen. Kannst du dich erinnern, dass Markus in letzter Zeit ungewöhnlich oft nach meinen Erbschaftsunterlagen gefragt hat?“

Julia schwieg kurz.

„Jetzt, wo du es sagst … Vor etwa einem Monat hat er mich gefragt, ob du das Grundstück irgendwann verkaufen möchtest.“

„Was hast du geantwortet?“

„Dass du das niemals vorhattest. Warum?“

Ich erzählte ihr, was ich auf der Kamera gesehen hatte.

Julia wurde sofort ernst.

„Bitte mach jetzt nichts Unüberlegtes. Sichere die Aufnahmen und lass die Unterlagen prüfen. Du solltest nicht allein mit ihm darüber streiten, bevor du weißt, was tatsächlich passiert ist.“

Sie hatte recht.

Ich kopierte die relevanten Aufnahmen und vereinbarte am nächsten Morgen einen Termin bei einer Rechtsanwältin.

Ich nahm die Dokumente mit, die ich noch zu Hause hatte, und erklärte ihr die Situation.