TEIL 2:
Als der alte Mann die Polizeistation betrat, wurde er von einer jungen Beamtin empfangen.
„Guten Morgen. Was kann ich für Sie tun?“
Er stellte die Tasche mit den gesammelten Brotpaketen auf den Tisch und zeigte ihr die Videoaufnahme.
„Jemand bringt mir seit mehreren Tagen Brot. Jeden Morgen um genau vier Uhr. Und heute habe ich herausgefunden, dass es mit einer Drohne geliefert wird.“
Die Beamtin betrachtete das Video aufmerksam.
„Haben Sie eine Ahnung, wer dahinterstecken könnte?“
Der Rentner schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich kenne niemanden, der so etwas tun würde. Und ich möchte auch nicht, dass jemand heimlich auf meinem Grundstück herumfliegt.“
Die Beamtin nahm seine Personalien auf und bat einen Kollegen, die Aufnahme genauer zu prüfen.
Der alte Mann hieß Heinrich Weber. Er war zweiundsiebzig Jahre alt, seit vier Jahren Witwer und lebte allein in einem kleinen Haus am Stadtrand.
Während der Kollege die Aufnahme untersuchte, bemerkte die Beamtin plötzlich das Etikett auf einem der Brote.
„Moment mal. Woher stammt dieses Brot?“
„Von einem Geschäft, dessen Namen ich nicht kenne. Die Verkäuferin behauptet, dass sie nichts damit zu tun hat.“
Die Beamtin drehte die Verpackung um.
Auf dem Etikett stand der Name einer kleinen Bäckerei: **Morgenstern**.
Sie wurde nachdenklich.
„Diese Bäckerei kenne ich. Sie wurde vor vielen Jahren geschlossen.“
Heinrich runzelte die Stirn.
„Dann ist das ja noch merkwürdiger.“
Der Kollege kam mit seinem Laptop zurück.
„Wir haben etwas gefunden. Die Drohne ist auf eine Privatperson registriert. Allerdings gehört sie nicht dem Besitzer des Hauses, sondern einem jungen Mann, der in der Nachbarstadt wohnt.“
„Wer ist das?“, fragte Heinrich.
Der Beamte blickte auf den Bildschirm.
„Sein Name ist Daniel Weber.“
Heinrich wurde plötzlich ganz blass.
„Daniel?“
Er wiederholte den Namen leise.
„Das kann nicht sein.“
Daniel war sein Enkel.
Heinrich hatte ihn zuletzt gesehen, als der Junge gerade acht Jahre alt gewesen war. Damals hatte es einen heftigen Streit zwischen Heinrich und seinem Sohn gegeben. Danach war die Familie auseinandergebrochen.
Sein Sohn Markus war mit seiner Frau und dem kleinen Daniel weggezogen. Anfangs hatten sie noch gelegentlich telefoniert. Doch mit den Jahren waren die Kontakte immer seltener geworden.
Vor zwölf Jahren hatte Heinrich erfahren, dass Markus bei einem Unfall ums Leben gekommen war.
Seitdem hatte er nie wieder etwas von Daniel gehört.
„Mein Enkel ist das?“, fragte er ungläubig.
Die Beamtin nickte vorsichtig.
„Wir werden ihn kontaktieren und herausfinden, was hinter den Lieferungen steckt.“
Heinrich saß regungslos auf seinem Stuhl.
Er hatte mit allem gerechnet – mit einem schlechten Scherz, einer Bedrohung oder sogar einem Betrugsversuch.
Aber nicht damit.
Noch am selben Nachmittag erhielt er einen Anruf.
„Herr Weber? Hier spricht Daniel.“
Heinrich erkannte die Stimme nicht sofort.
„Daniel? Bist du es wirklich?“
„Ja, Opa.“
Am anderen Ende herrschte Stille.
Dann fragte Heinrich mit brüchiger Stimme:
„Warum bringst du mir jeden Morgen Brot? Warum kommst du nicht einfach vorbei?“
Daniel atmete tief durch.
„Weil ich nicht wusste, ob du mich sehen möchtest.“
„Du bist mein Enkel. Natürlich möchte ich dich sehen!“
„Das habe ich früher auch gedacht“, antwortete Daniel leise. „Aber Papa hat mir erzählt, dass du damals nicht mehr mit uns sprechen wolltest.“
Heinrich schloss die Augen.
„Das stimmt nicht. Ich war wütend auf deinen Vater, aber niemals auf dich.“
Daniel schwieg.
Dann erzählte er, dass er vor einigen Monaten alte Familienunterlagen gefunden hatte. Darunter befanden sich Briefe, die Heinrich damals an seinen Sohn geschrieben hatte.
Daniel hatte geglaubt, sein Großvater habe die Familie nach dem Streit vollständig verlassen.
Doch die Briefe erzählten eine andere Geschichte.
Heinrich hatte immer wieder versucht, Kontakt aufzunehmen. Einige Schreiben waren zurückgekommen. Andere waren offenbar nie bei seinem Sohn angekommen.
„Ich weiß nicht, warum Papa mir diese Briefe nie gezeigt hat“, sagte Daniel. „Aber als ich sie gelesen habe, wollte ich dich finden.“
Heinrich wischte sich über die Augen.
„Und warum das Brot?“
Daniel lachte leise, doch seine Stimme zitterte.
„Erinnerst du dich an die Bäckerei Morgenstern?“
Heinrich richtete sich auf.
Natürlich erinnerte er sich.
Es war die Bäckerei, in der seine Frau Elisabeth früher gearbeitet hatte. Jeden Sonntag hatte sie frisches Brot mit nach Hause gebracht. Daniel hatte als kleiner Junge immer auf der Veranda gesessen und darauf gewartet, dass seine Großmutter ihm das erste warme Stück abschnitt.
„Die Bäckerei gehörte meiner Mutter“, flüsterte Heinrich.
„Genau. Ich habe die alten Rezepte gefunden und zusammen mit einer Freundin eine kleine Bäckerei eröffnet. Wir haben den Namen beibehalten.“
Heinrich konnte kaum sprechen.
„Du hast also das Brot gebacken?“
„Ja. Ich wollte dir etwas zurückgeben, das du früher mit mir geteilt hast. Ich hatte nur Angst, dass du mich nicht empfangen würdest.“
„Aber warum mit einer Drohne?“
Daniel erklärte, dass er zunächst nur testen wollte, ob sein Großvater das Brot überhaupt annahm. Er hatte die Kamera an der Drohne nicht zur Überwachung verwendet, sondern lediglich die Lieferungen dokumentiert. Als Heinrich jedoch begann, das Brot nicht mehr anzurühren, wurde Daniel klar, dass seine Überraschung dem alten Mann Angst machte.
Popular Posts
→- 1
- 2
- 3
- 4
Recently Viewed
Stories you read recently will appear here.



