TEIL 2 – DAS GEHEIMNIS UNTER DEM POOL

Das Wasser tropfte von Markus’ Gesicht, als er sich am Beckenrand festhielt.

„Papa!“, rief seine Tochter Sophie. „Hast du Mama gefunden?“

Markus antwortete nicht sofort.

Er hatte die Metallluke gesehen. Er hatte auch etwas dahinter wahrgenommen – eine Bewegung, die im trĂŒben Licht nur fĂŒr einen Sekundenbruchteil sichtbar gewesen war.

Aber er hatte die Luke nicht geöffnet.

Das Wasser war tief, die Sicht schlecht, und er wusste nicht, was sich hinter der schweren Abdeckung befand. Er wĂŒrde seine Tochter nicht auch noch gefĂ€hrden, indem er unĂŒberlegt handelte.

„Sophie, komm bitte zu Frau Keller“, sagte er zu der HaushĂ€lterin, die inzwischen auf die Terrasse geeilt war. „Bleib bei ihr. Ich bin gleich wieder da.“

Seine Verlobte Vanessa stand regungslos neben den LiegestĂŒhlen.

„Markus, du musst da weg“, sagte sie mit dĂŒnner Stimme.

Er drehte sich zu ihr.

„Warum?“

„Weil du nicht weißt, was dort unten ist.“

„Dann erklĂ€r es mir.“

Vanessa öffnete den Mund, schloss ihn wieder und blickte zum Haus.

Markus bemerkte es.

„Du kennst diese Luke.“

„Nein.“

„Sieh mich an und sag es noch einmal.“

Sie wich seinem Blick aus.

In diesem Moment trafen die ersten RettungskrĂ€fte ein. Die Polizei war ebenfalls verstĂ€ndigt worden. Ein Feuerwehrmann ĂŒbernahm die Situation und bat alle, Abstand vom Becken zu halten.

Markus erklÀrte, was er unter Wasser gesehen hatte.

„Es gibt eine Metallabdeckung am Boden“, sagte er. „Meine Tochter glaubt, ihre Mutter dahinter gesehen zu haben.“

Der Einsatzleiter nickte ernst.

„Wir ĂŒberprĂŒfen das. Bitte gehen Sie jetzt nicht wieder ins Wasser.“

Markus wollte widersprechen, doch dann hörte er Sophie.

„Papa, ich habe nicht gelogen.“

Er kniete sich vor sie.

„Das weiß ich, mein Schatz.“

„Mama hat mir ihren Stern gezeigt. Den kleinen Stern, den sie immer an ihrer Halskette getragen hat.“

Markus erstarrte.

Diesen AnhÀnger kannte er.

Er hatte ihn seiner Frau Clara zum fĂŒnften Hochzeitstag geschenkt. Nach ihrem Verschwinden hatte man ihn nie gefunden.

„Bist du ganz sicher?“, fragte er leise.

Sophie nickte heftig.

„Sie hat ihn gegen die Scheibe gehalten. So wie immer, wenn sie mir sagen wollte, dass alles gut wird.“

Markus schloss kurz die Augen.

Es war, als hĂ€tte jemand eine TĂŒr zu einer Erinnerung geöffnet, die er seit Monaten nicht mehr betreten hatte.

Die Frau, die zu viel wusste

WĂ€hrend die EinsatzkrĂ€fte den Poolbereich untersuchten, fĂŒhrte eine Polizistin Vanessa in einen ruhigeren Teil der Terrasse.

Markus blieb bei seiner Tochter, doch seine Aufmerksamkeit richtete sich immer wieder auf die beiden Frauen.

„Warum sprechen Sie nicht mit ihm?“, fragte die Polizistin Vanessa.

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“

„Dann erklĂ€ren Sie uns bitte, warum Sie so reagiert haben, als Ihre Stieftochter von einer Person unter dem Pool gesprochen hat.“

Vanessa presste die Lippen zusammen.

„Das MĂ€dchen hat sich wahrscheinlich etwas eingebildet.“

Sophie hörte die Worte.

„Nein!“, rief sie. „Du hast gesagt, ich soll nie wieder ĂŒber Mama sprechen!“

Markus drehte sich langsam um.

„Was?“

Vanessa schloss die Augen.

„Markus, bitte. Nicht vor dem Kind.“

„Du hast meiner Tochter verboten, ĂŒber ihre Mutter zu sprechen?“

„Ich wollte sie schĂŒtzen!“

„Vor wem? Vor ihrer eigenen Mutter?“

Vanessa begann zu weinen.

Doch bevor sie antworten konnte, kam der Einsatzleiter zurĂŒck.

„Herr Weber, wir haben Hinweise darauf gefunden, dass sich unter dem Pool tatsĂ€chlich ein abgeschlossener Technikbereich befindet. Wir prĂŒfen gerade, ob dort jemand eingeschlossen sein könnte.“

Markus’ Herz schlug schneller.

„Und meine Frau?“

Der Mann sah ihn ernst an.

„Wir können noch nichts bestĂ€tigen. Aber wir haben ein Lebenszeichen erhalten.“

Markus hielt sich an der RĂŒckenlehne eines Stuhls fest.

Ein Lebenszeichen.

Nach all den Monaten.

Clara könnte tatsÀchlich noch leben.

Die Wahrheit, die niemand aussprechen wollte

Eine weitere Einsatzkraft brachte ein altes Foto aus dem Haus.

Es zeigte die ursprĂŒngliche Bauzeichnung der Villa. Markus erkannte sofort den Architektenstempel und das Datum.

„Warum haben Sie das?“, fragte er.

„Wir haben es bei der Durchsicht der GebĂ€udeunterlagen gefunden. Der Pool wurde offenbar spĂ€ter umgebaut.“

Markus betrachtete den Plan.

Unter dem Becken war ein kleiner Raum eingezeichnet, der in den neueren Unterlagen nicht mehr auftauchte.

„Wer hat diesen Umbau genehmigt?“

Die Einsatzkraft zeigte auf die letzte Seite.

Dort stand eine Unterschrift.

Markus kannte sie.

Es war die Unterschrift von Vanessa.

Er hob langsam den Kopf.

„Du hast den Umbau veranlasst?“

Vanessa antwortete nicht.

„Wann?“

„Markus, bitte 
“

„Wann?“

Die Polizistin trat nÀher.

„Frau, wir möchten, dass Sie uns die UmstĂ€nde erklĂ€ren. Bitte bleiben Sie bei der Wahrheit.“

Vanessa setzte sich auf einen Stuhl.

„Ich wollte nicht, dass es so weit kommt.“

Markus starrte sie an.

„Was genau sollte nicht so weit kommen?“

Sie begann zu weinen.

„Clara hatte Dinge herausgefunden. Dinge ĂŒber deinen Vater, ĂŒber die Firma und ĂŒber das Geld, das damals verschwunden war. Sie wollte damit zur Polizei gehen.“

Markus schĂŒttelte den Kopf.

„Mein Vater ist seit drei Jahren tot.“

„Das weiß ich.“