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## Teil 2 – Das Geheimnis, das Thunder nicht länger verborgen halten wollte

Niemand bewegte sich.

Der Sargdeckel war aufgesprungen. Die Menschen standen mit entsetzten Gesichtern um das offene Grab versammelt.

Doch im Sarg lag nicht nur der Körper des verstorbenen Landwirts.

Neben seiner Brust befand sich eine kleine, verrostete Metallkassette. Sie war mit einem Lederband befestigt, das sich offenbar gelöst hatte, als Thunder gegen das Holz geschlagen hatte.

„Was ist das?“, flüsterte eine Frau.

Der älteste Bruder des Verstorbenen, Viktor, drängte sich nach vorn.

„Haltet das Pferd zurück! Und niemand fasst etwas an!“

Thunder schnaubte laut und wich einige Schritte zurück. Sein Kopf war gesenkt. An seinem Hals klebten kleine Stücke des hornartigen Materials, und das beschädigte Horn sah nun eher wie ein alter, künstlicher Aufsatz aus.

Ein Tierarzt, der unter den Trauergästen war, näherte sich vorsichtig.

„Beruhigt euch. Das Pferd ist völlig aufgewühlt. Wir müssen es zuerst sichern und untersuchen.“

Zwei Männer führten Thunder langsam vom Sarg weg.

Doch bevor das Tier verschwand, drehte es sich noch einmal um und stieß einen langen, ungewöhnlich klagenden Laut aus.

Der Tierarzt betrachtete das abgebrochene Stück am Boden.

Dann runzelte er die Stirn.

„Das ist kein natürlich gewachsenes Horn“, sagte er. „Das sieht nach einem künstlichen Aufsatz aus. Ich möchte wissen, wer ihn angebracht hat und warum.“

Viktor wurde plötzlich sehr blass.

Denn er wusste etwas, das die anderen noch nicht wussten.

### Die Kassette im Sarg

Der Bestatter bat die Familie, sich etwas zurückzuziehen. Nachdem die Situation beruhigt worden war, wurde die Metallkassette vorsichtig aus dem Sarg genommen.

Auf ihrer Oberfläche stand ein Name:

**„Für die Wahrheit – erst öffnen, wenn ich nicht mehr da bin.“**

Darunter befand sich die Unterschrift des Verstorbenen:

**Milan Petrov.**

Milans Tochter Elena trat näher.

„Das ist die Handschrift meines Vaters.“

Ihre Stimme zitterte.

„Warum hat er so etwas im Sarg versteckt?“

Viktor antwortete nicht.

Die Kassette wurde geöffnet. Darin lagen mehrere alte Fotografien, ein gefalteter Brief, ein kleiner Schlüssel und ein Bündel Dokumente.

Elena nahm das oberste Foto.

Darauf war ihr Vater vor ungefähr fünfzehn Jahren zu sehen. Neben ihm stand Thunder, damals noch ein junges Pferd.

Doch etwas stimmte nicht.

Am Hals des Tieres war bereits ein auffälliger dunkler Riemen befestigt. Auf dem Kopf trug es einen kleinen, ungewöhnlich geformten Aufsatz.

Elena drehte das Bild um.

Auf der Rückseite stand:

„Der Tag, an dem ich verstand, dass nicht jeder Freund ein Freund ist.“

Sie blickte zu ihrem Onkel.

„Viktor, weißt du, was das bedeutet?“

Er schluckte.

„Ich weiß nicht, was dein Vater damit sagen wollte.“

Doch seine Hände zitterten.

### Was vor 15 Jahren geschah

Der Brief wurde von Elena vorsichtig entfaltet.

Die Schrift ihres Vaters war deutlich zu erkennen.

„Meine liebe Elena,

wenn du diesen Brief liest, bin ich nicht mehr da, um dir alles selbst zu erklären.

Es gibt etwas, das ich fünfzehn Jahre lang verschwiegen habe.

Damals, als Thunder noch jung war, bemerkte ich, dass jemand nachts auf unseren Hof kam. Zunächst dachte ich, es seien Diebe, die Werkzeuge oder Futter stehlen wollten.

Doch eines Morgens fand ich Thunder in seiner Box, völlig verängstigt. An seinem Kopf war ein seltsamer Aufsatz befestigt worden. Ich wusste nicht, wer ihn angebracht hatte und warum.

Ich entfernte ihn und brachte das Pferd zum Tierarzt.

In den folgenden Wochen stellte ich fest, dass mehrere Unterlagen aus meinem Büro verschwunden waren. Es ging um den Kaufvertrag unseres östlichen Feldes und um die Eigentumsrechte an der alten Scheune.

Ich verdächtigte zunächst niemanden.

Bis ich eines Nachts einen Mann auf dem Hof sah.“

Elena hielt inne.

Sie blickte zu Viktor.

Ihr Onkel stand wie erstarrt da.

Sie las weiter:

„Ich erkannte seine Stimme, bevor ich sein Gesicht sah.

Es war jemand, dem ich vertraut hatte.

Jemand, der jeden Tag an meinem Tisch saß.

Ich wollte ihn zur Rede stellen, doch am nächsten Morgen war er verschwunden.

Seit diesem Tag habe ich alles dokumentiert. Ich wollte nicht, dass du in einen Streit hineingezogen wirst, dessen Folgen du nicht verstehen konntest.“

Elena ließ den Brief sinken.

„Papa hat jemanden auf dem Hof gesehen.“

Sie blickte wieder zu Viktor.

„Wen?“

Ihr Onkel wich ihrem Blick aus.

### Der Mann, der plötzlich schweigen wollte

„Das ist doch Unsinn“, sagte Viktor schließlich. „Dein Vater war damals sehr misstrauisch. Er hat überall Probleme gesehen.“

Elena hielt ihm das alte Foto entgegen.

„Warum hast du dann solche Angst?“

„Ich habe keine Angst!“

Seine Stimme war lauter geworden als nötig.

Der Tierarzt, der inzwischen zurückgekehrt war, hatte das abgebrochene Teil genauer untersucht.

„Ich möchte etwas sagen“, begann er vorsichtig. „Ich habe Thunder vor vielen Jahren einmal behandelt. Damals fiel mir bereits auf, dass der Aufsatz an seinem Kopf nicht zu einem gewöhnlichen Pferdegeschirr gehörte. Milan erklärte mir, es sei eine besondere Zierde, die er aus persönlichen Gründen aufbewahren wolle.“

Er betrachtete das Material.