TEIL 2: Am nächsten Morgen sollte sich alles ändern
Kapitel 2: Die Frau, die niemand unterschätzen durfte
1. Die Nacht vor der Entscheidung
Der Mann im schwarzen Anzug verließ das Restaurant an diesem Abend nicht mehr mit demselben selbstbewussten Gang, mit dem er zuvor durch den Gastraum geschritten war.
Seine Schritte waren hastig. Seine Hände zitterten leicht, und immer wieder blickte er auf sein Telefon, als könnte dort plötzlich eine Nachricht erscheinen, die alles ungeschehen machte.
Er hieß Alexander Weber und war seit fast sechs Jahren der Betriebsleiter des Restaurants Maison Royale, einem der exklusivsten Restaurants der Stadt.
Er kannte die Vorlieben der Stammgäste, wusste, welche Weine zu besonderen Anlässen serviert wurden, und konnte sich auf fast jeden prominenten Besucher einstellen. In der Vergangenheit hatte er oft genug bewiesen, dass er ein guter Organisator sein konnte.
Doch in den letzten Monaten hatte sich etwas verändert.
Alexander war überzeugt gewesen, dass der Erfolg des Restaurants vor allem ihm zu verdanken war. Er hatte begonnen, Mitarbeiter herumzukommandieren, Gäste nach ihrem vermuteten Vermögen zu beurteilen und Menschen, die ihm nicht wichtig erschienen, wie lästige Hindernisse zu behandeln.
Die Eigentümerin hatte er noch nie persönlich kennengelernt.
Er wusste lediglich, dass eine Frau namens Clara von Falkenstein die Mehrheit der Anteile besaß und wichtige Entscheidungen normalerweise über die Geschäftsführung treffen ließ.
Als er die Frau im weißen Kleid gesehen hatte, war ihm nicht einmal in den Sinn gekommen, dass sie Clara sein könnte.
Und jetzt würde er am nächsten Morgen vor ihr stehen müssen.
In seinem Wagen ließ er sich auf den Fahrersitz fallen und schlug frustriert mit der Hand gegen das Lenkrad.
„Verdammt!“
Er zog sein Telefon heraus und rief seinen Freund Markus an, der in der Verwaltung des Restaurants arbeitete.
„Du musst mir helfen“, sagte Alexander, sobald Markus abnahm.
„Was ist passiert?“
„Die Eigentümerin war heute Abend hier.“
„Welche Eigentümerin?“
„Clara von Falkenstein! Sie stand direkt vor mir, und ich habe ihr erklärt, dass sie keinen Anspruch auf den VIP-Tisch hat.“
Am anderen Ende der Leitung herrschte Schweigen.
Dann fragte Markus vorsichtig: „Hast du dich wenigstens entschuldigt?“
„Natürlich!“
„Und?“
Alexander schloss die Augen.
„Sie hat gesagt, dass wir morgen früh über meinen Nachfolger sprechen werden.“
Markus atmete hörbar aus.
„Dann hast du ein Problem.“
„Das weiß ich selbst! Deshalb rufe ich dich an.“
„Was soll ich tun?“
Alexander blickte durch die Windschutzscheibe auf die beleuchteten Fenster des Restaurants.
„Ich muss herausfinden, was sie über mich weiß.“
Markus schwieg erneut.
„Alexander“, sagte er schließlich, „vielleicht solltest du einfach ehrlich sein.“
Alexander lachte bitter.
„Ehrlich? Nach sechs Jahren in diesem Laden? Weißt du, wie viele Menschen ich hier zufriedengestellt habe? Wie viele schwierige Gäste ich beruhigt und wie viele Veranstaltungen ich gerettet habe?“
„Das bestreitet niemand.“
„Dann wird sie mich nicht wegen eines einzigen Abends entlassen.“
Markus antwortete nicht.
Alexander legte auf.
Er war sich sicher, dass er am nächsten Morgen eine Lösung finden würde.
Was er nicht wusste, war, dass Clara bereits seit Wochen Unterlagen prüfte, die ein völlig anderes Bild von seiner Arbeit zeichneten.
Und dass der Tisch, den er ihr verweigert hatte, nur der Anfang ihrer Untersuchung gewesen war.
2. Die Eigentümerin betritt das Büro
Am nächsten Morgen um 8:30 Uhr öffneten sich die Türen des Restaurants.
Clara von Falkenstein trat ein.
Sie trug einen cremefarbenen Hosenanzug, eine schlichte goldene Uhr und hielt eine schwarze Mappe unter dem Arm. Ihr Gesicht war ruhig, doch ihre Augen verrieten, dass sie die Ereignisse des Vorabends nicht vergessen hatte.
Der Küchenchef, Thomas Berger, wartete bereits im Eingangsbereich.
„Guten Morgen, Frau von Falkenstein.“
„Guten Morgen, Thomas. Ist Alexander schon da?“
„Er wartet in Ihrem Büro.“
Clara nickte.
„Gut. Dann lassen Sie uns keine Zeit verlieren.“
Thomas zögerte.
„Darf ich Ihnen vorher noch etwas sagen?“
Sie blieb stehen.
„Natürlich.“
Der Küchenchef blickte sich kurz um, bevor er leiser weitersprach.
„Ich arbeite seit zwölf Jahren in diesem Restaurant. Ich habe viele Veränderungen erlebt, gute und schlechte. Aber in den letzten Monaten haben sich mehrere Mitarbeiter an mich gewandt. Sie haben Angst, ihre Arbeit zu verlieren, wenn sie sich über Alexander beschweren.“
Claras Gesicht wurde ernst.
„Haben sie konkrete Vorwürfe erhoben?“
„Ja. Einige Gäste wurden ohne nachvollziehbaren Grund an andere Tische gesetzt. Andere erhielten Rechnungen, die nicht mit ihren Reservierungen übereinstimmten. Und es gab wiederholt Beschwerden über den Umgangston.“
Clara öffnete ihre Mappe.
„Ich habe die Beschwerden gelesen.“
Thomas nickte.
„Dann wissen Sie auch, dass viele Mitarbeiter bisher geschwiegen haben, weil sie ihre Arbeitsplätze nicht gefährden wollten.“
„Ich werde niemanden bestrafen, der sich respektvoll und ehrlich äußert“, sagte Clara. „Aber ich werde auch niemanden allein aufgrund eines Gerüchts verurteilen.“
Thomas wirkte erleichtert.
„Das wollte ich hören.“
Clara sah ihn an.
„Thomas, ich habe dieses Restaurant nicht aufgebaut, damit Menschen hier Angst haben müssen. Ein luxuriöses Restaurant ist nicht nur ein Ort mit teuren Möbeln und seltenen Weinen. Es ist ein Ort, an dem sich jeder Gast willkommen fühlen sollte, unabhängig davon, wie viel Geld er besitzt.“
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