Lucía wusste nicht, was sie sagen sollte.

Der elegante Mann im schwarzen Wagen betrachtete sie nicht wie die Menschen, die sie sonst auf der Straße begegneten. Er sah weder ihren abgenutzten Schuhen noch ihrer verblassten Bluse besondere Aufmerksamkeit entgegen. Stattdessen schien ihn etwas an ihr zu interessieren, das sie selbst längst vergessen hatte.

„Du möchtest wirklich Model werden?“, fragte Diego Santillán noch einmal.

Lucía nickte vorsichtig.

„Seit ich ein kleines Mädchen war. Aber ich habe kein Geld für eine Agentur, keine Kontakte und nicht einmal Kleidung, die für so etwas geeignet wäre.“

Diego lächelte.

„Das sind Hindernisse. Keine Beweise dafür, dass du deinen Traum aufgeben musst.“

Dann zog er eine Visitenkarte aus seiner Jacke und reichte sie ihr.

Darauf stand:

Diego Santillán – Geschäftsführer der Santillán Fashion Group.

Lucía starrte auf die Karte.

Sie kannte den Namen. Die Santillán Fashion Group gehörte zu den bekanntesten Modeunternehmen Mexikos und organisierte regelmäßig große Modenschauen.

„Sie … Sie arbeiten wirklich in der Modebranche?“, fragte sie ungläubig.

„Ja.“

„Und warum sprechen Sie mit mir?“

Diego sah auf ihren Korb.

„Weil du trotz allem, was du offenbar durchmachen musst, noch immer freundlich zu den Menschen bist. Und weil ich gerade etwas gesehen habe, das du selbst nicht mehr zu sehen scheinst: eine junge Frau, die einen Traum hat, obwohl ihr das Leben viele Gründe gegeben hat, ihn aufzugeben.“

Lucía spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen.

Doch bevor sie antworten konnte, sagte Diego etwas, womit sie niemals gerechnet hätte:

„In drei Tagen veranstalten wir ein offenes Casting für neue Gesichter. Du kannst teilnehmen. Ohne Teilnahmegebühr.“

Lucía hielt die Visitenkarte mit beiden Händen fest.

„Aber ich habe keine Erfahrung.“

„Dann wirst du etwas lernen müssen.“

„Und wenn ich nicht gut genug bin?“

Diego lächelte.

„Dann hast du es wenigstens selbst herausgefunden, statt andere für dich entscheiden zu lassen.“

Er kaufte ihr noch eine Tüte Süßigkeiten ab, verabschiedete sich und fuhr davon.

Lucía blieb am Straßenrand zurück.

Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sich ihr Traum nicht mehr wie eine Fantasie an.

Er fühlte sich wie eine Möglichkeit an.

Doch zu Hause wartete bereits jemand, der alles daran setzen würde, sie daran zu hindern.

## 1. Als ihre Pflegefamilie von dem Casting erfuhr

Am Abend kehrte Lucía mit ihrem fast leeren Korb zurück.

Sie hatte die Visitenkarte den ganzen Weg über in ihrer Tasche aufbewahrt und immer wieder herausgenommen, um sicherzugehen, dass sie nicht träumte.

In der Küche saß Doña Graciela mit ihrer Tochter Patricia. Don Ernesto zählte Geld am Tisch.

„Du bist spät dran“, sagte er, ohne aufzusehen.

„Es war viel Verkehr.“

„Wie viel hast du verdient?“

Lucía legte das Geld auf den Tisch. Dann nahm sie all ihren Mut zusammen.

„Ich muss euch etwas sagen. Ein Mann hat mir heute eine Möglichkeit angeboten. Er arbeitet in der Modebranche und hat mich zu einem Casting eingeladen.“

Patricia lachte sofort.

„Du? Als Model?“

Lucía spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde.

„Ich möchte es wenigstens versuchen.“

„Hast du dich schon einmal im Spiegel angesehen?“, fragte Patricia spöttisch. „Du verkaufst Süßigkeiten auf der Straße! Glaubst du wirklich, dass dich jemand auf einen Laufsteg lässt?“

Doña Graciela schüttelte den Kopf.

„Lucía, sei vernünftig. Solche Träume sind etwas für Menschen, die Geld und Beziehungen haben.“

Don Ernesto nahm die Visitenkarte, überflog sie und warf sie auf den Tisch.

„Du gehst morgen wieder verkaufen. Und vergiss diese Geschichte.“

Lucía hob die Karte auf.

„Das Casting ist kostenlos. Ich könnte es wenigstens versuchen.“

Er stand auf.

„Solange du unter meinem Dach lebst, entscheidest du nicht einfach selbst, wofür du deine Zeit verschwendest.“

Diese Worte trafen sie tief.

Doch diesmal geschah etwas, das selbst Lucía überraschte.

Sie senkte nicht den Kopf.

„Ich bin euch dankbar, dass ihr mich aufgenommen habt“, sagte sie leise. „Aber das bedeutet nicht, dass ich für immer auf alles verzichten muss, was ich mir wünsche.“

Im Raum wurde es still.

Patricia starrte sie an, als hätte Lucía gerade eine völlig fremde Sprache gesprochen.

Don Ernesto zeigte zur Tür.

„Dann sieh zu, wie du ohne unsere Hilfe zurechtkommst.“

Lucía ging in ihr kleines Zimmer und schloss die Tür.

Sie hatte Angst. Sie wusste nicht, wo sie wohnen würde, wenn man sie tatsächlich hinauswarf. Sie besaß kaum Ersparnisse und hatte niemanden, an den sie sich wenden konnte.

Doch auf ihrem Bett sitzend, betrachtete sie erneut die Visitenkarte.

Dann traf sie eine Entscheidung.

Sie würde zum Casting gehen.

Nicht, weil Diego ihr etwas versprochen hatte.

Sondern weil sie es sich selbst schuldig war.

## 2. Die unerwartete Hilfe einer Fremden

Am nächsten Morgen ging Lucía wie gewohnt auf die Straße, um Süßigkeiten zu verkaufen.

Doch diesmal suchte sie in den Pausen zwischen den Kunden nach Informationen über das Casting. Sie erfuhr, dass es in einem großen Veranstaltungszentrum in Polanco stattfinden sollte.

Das Problem war nicht nur der Weg dorthin.