Der Regen fiel in dichten Schleiern auf die Straßen Guadalajaras, als Adrián Cárdenas mit drei seiner vertrauenswürdigsten Männer die Essensausgabestelle erreichte.
Das obdachlose Mädchen saß unter einem Vordach und hielt eine Papiertüte fest an ihre Brust gedrückt. Es mochte höchstens zwölf Jahre alt sein. Seine Schuhe waren durchnässt, und seine Augen huschten nervös zwischen den Männern hin und her.
Adrián ging langsam in die Hocke, damit er nicht bedrohlich auf sie wirkte.
„Wie heißt du?“
„Lucía.“
„Lucía, ich suche eine Frau namens Renata. Sie wurde verletzt. Du hast gesagt, du weißt, wo sie ist.“
Das Mädchen zog die Tüte näher an sich.
„Sie hat mir geholfen, als ich niemanden hatte. Sie hat gesagt, ich soll keinem Mann vertrauen, der nach ihr fragt.“
Adrián schluckte.
„Dann musst du mir nicht vertrauen, nur weil ich dich darum bitte. Aber sag mir eines: Ist sie noch am Leben?“
Lucía betrachtete ihn lange.
„Ja. Aber sie hat große Schmerzen.“
Diese wenigen Worte ließen Adrián für einen Moment vergessen, wie viele Menschen in seinem Leben vor ihm gezittert hatten.
„Bitte“, sagte er leise. „Ich muss wissen, ob sie in Sicherheit ist.“
Lucía schüttelte den Kopf.
„Sie ist nicht in Sicherheit. Der Mann mit der Narbe war heute Morgen hier.“
Adrián richtete sich auf.
„Wo?“
Das Mädchen deutete auf eine alte Straße am Stadtrand.
„In einer verlassenen Wäscherei. Renata hat dort früher gearbeitet, bevor sie geheiratet hat.“
Adrián kannte die Adresse nicht. Aber er kannte jemanden, der es wissen musste.
Seinen Schwiegervater.
Oder vielmehr den Mann, der einst Renatas Vater gewesen war.
Denn Esteban Villaseñor war vor sechs Monaten unter mysteriösen Umständen gestorben.
Offiziell hatte ein Herzinfarkt sein Leben beendet. Doch Adrián erinnerte sich plötzlich an eine Bemerkung seines eigenen Sicherheitschefs, die er damals nicht ernst genommen hatte.
Esteban hatte kurz vor seinem Tod versucht, einen vertraulichen Termin mit ihm zu vereinbaren.
Das Treffen hatte nie stattgefunden.
Adrián hatte angenommen, es gehe um Geld.
Jetzt begann er zu begreifen, dass es möglicherweise um etwas viel Gefährlicheres gegangen war.
„Bringt Lucía in Sicherheit“, befahl er seinen Männern. Dann wandte er sich wieder dem Mädchen zu. „Niemand wird dich zwingen, mir zu sagen, wo Renata ist. Wenn du möchtest, kannst du uns den Weg zeigen.“
Lucía nickte zögernd.
Eine halbe Stunde später hielten ihre Fahrzeuge vor einem verlassenen Industriegebäude. Die Fenster waren mit Brettern vernagelt, das Metallschild über dem Eingang hing schief, und der Wind trug den Geruch von feuchtem Beton durch die Straßen.
Adrián stieg aus.
„Bleibt hinter mir“, sagte er zu seinen Männern. „Niemand schießt, solange keine unmittelbare Gefahr besteht.“
Er wollte Renata lebend finden.
Und er wollte Antworten.
Als sie die Wäscherei betraten, hörten sie ein leises Geräusch aus einem Hinterzimmer.
Ein Stuhl scharrte über den Boden.
Dann eine Stimme.
„Ich habe euch gesagt, dass ich nichts mehr für euch tun werde.“
Adrián erkannte Renatas Stimme sofort.
Er lief zur Tür.
Renata saß auf einer alten Matratze. Ihre Schulter war verbunden, ihr Gesicht blass, und neben ihr standen eine Schüssel mit Wasser, saubere Tücher und ein geöffnetes Medikamentenpäckchen.
Vor ihr stand ein Mann mit einer auffälligen Narbe am Kiefer.
Der falsche Kellner.
Der Mann drehte sich um und griff nach seiner Waffe.
Doch Adriáns Sicherheitsleute waren schneller. Sie überwältigten ihn, nahmen ihm die Waffe ab und hielten ihn fest, bis die Polizei verständigt werden konnte.
Adrián schenkte ihm kaum einen Blick.
Seine Augen waren auf Renata gerichtet.
„Du lebst.“
Renata schloss kurz die Augen.
„Leider hast du mich gefunden.“
Die Worte trafen ihn härter als jede Beleidigung.
Er ging auf sie zu, blieb aber stehen, als sie sich zurückzog.
„Ich werde dich nicht anfassen“, sagte er. „Nicht, wenn du es nicht möchtest. Aber du musst medizinisch versorgt werden.“
„Ich brauche keinen deiner Ärzte.“
„Du hast eine Schussverletzung. Du brauchst professionelle Hilfe.“
„Und dann? Bringst du mich zurück in dein Haus, wo jeder so tun wird, als wäre nichts geschehen? Wo ich wieder deine Ehefrau auf dem Papier bin und sonst niemand?“
Adrián fand keine Antwort.
Denn zum ersten Mal hörte er nicht nur ihre Worte. Er hörte den Schmerz, der sich über drei Jahre hinweg angesammelt hatte.
„Ich weiß, dass ich dich nicht kennengelernt habe“, sagte er schließlich. „Aber ich möchte verstehen, warum du vor mir fliehst.“
Renata sah zur Tür, hinter der der festgehaltene Angreifer von seinen Männern bewacht wurde.
„Weil du nicht weißt, wer du bist, Adrián.“
Er runzelte die Stirn.
„Was soll das bedeuten?“
„Der Mann, der dich töten sollte, arbeitet nicht für irgendeinen Rivalen. Er arbeitet für jemanden, dem du seit deiner Kindheit vertraust.“
In diesem Moment trat einer von Adriáns Männern ein und reichte ihm ein Mobiltelefon.
„Chef, wir haben den Verdächtigen überprüft. Das Telefon enthält Nachrichten von einer verschlüsselten Nummer. Unser Technikteam konnte einen Teil der Kommunikation wiederherstellen.“
Adrián nahm das Gerät.
Auf dem Bildschirm erschien ein Name.
Popular Posts
→- 1
- 2
- 3
- 4
Recently Viewed
Stories you read recently will appear here.



